9 Minuten
Google erweitert die Fähigkeiten seiner agentischen KI deutlich und bewegt sich schnell von hilfreichen Vorschlägen hin zu realen Aktionen. Die Suchmaschine lässt ihre KI inzwischen Geschäfte anrufen, um Lagerbestände zu prüfen, und kann in bestimmten Fällen sogar Bestellungen in deinem Namen abschließen. Im Folgenden erklären wir, wie diese Funktionen technisch funktionieren, welche Nutzungsabläufe sie bieten und welche Bedeutung sie für Käufer, Händler und die E‑Commerce‑Infrastruktur haben.
KI, die anruft — und dir die Antworten zurücksendet
Stell dir vor, du suchst nach einem schwer zu findenden Spielzeug oder einem speziellen Beauty‑Produkt und Google ruft automatisch nahegelegene Läden an, um zu fragen, ob das gewünschte Produkt vorrätig ist. Diese Option ist jetzt verfügbar, wenn du nach passenden Produkten in der Google Suche suchst. Sobald die Option „Google anrufen lassen" erscheint, startet ein kurzes, geführtes Frage‑Antwort‑Modul, das auf den Artikel zugeschnitten ist. Die KI von Google ruft anschließend lokale Geschäfte an, um Verfügbarkeit, Preis und aktuelle Angebote zu bestätigen.
Hinter der Funktion stehen mehrere technische Bestandteile: Spracherkennung, natürlichsprachliche Verarbeitung (Natural Language Processing, NLP), Dialogmanagement und die Fähigkeit, strukturierte Ergebnisse aus einem Telefongespräch zu extrahieren. Die KI erkennt Schlüsselinformationen wie Artikelname, Artikelnummer, Farben, Größen sowie Preisangaben oder Lieferzeiten und fasst diese in ein maschinenlesbares Format zusammen. Das erlaubt Google, Antworten zuverlässig zu vergleichen und zu aggregieren, bevor die Informationen an den Nutzer zurückgesendet werden.
- Du erhältst die Ergebnisse per E‑Mail oder SMS.
- Lokale Lagerbestände nahegelegener Geschäfte werden angezeigt, sodass du Optionen vergleichen kannst.
- Der anfängliche Rollout umfasst Kategorien wie Spielzeug, Gesundheit & Körperpflege sowie Elektronik in den USA.

Für Nutzer bedeutet das: weniger Telefonate, weniger Wege in leere Geschäfte und schnellerer Zugriff auf verfügbare Alternativen. Für Händler stellt sich die Frage, wie Inventardaten aktuell gehalten werden müssen, damit die KI verlässliche Auskünfte erteilen kann. Die Qualität der Antworten hängt stark von der Datenlatenz im Inventarsystem und der Fähigkeit des Shopsystems ab, Echtzeitinformationen bereitzustellen.
Aus Sicht der Systemarchitektur ist die Funktion so angelegt, dass sie in bestehende Kommunikationsschnittstellen von Händlern einbindbar ist — entweder über offizielle APIs oder über festgelegte Telefonprozesse. Google betont, dass bei Anrufen bekannte Datenschutz‑ und Compliance‑Regeln beachtet werden und dass Nutzer ihre Zustimmung geben müssen, bevor ein Anruf initiiert wird.
Agentic Checkout: Lass Google für dich kaufen (mit deinem OK)
Über das reine Anrufen hinaus ermöglicht Googles agentischer Checkout die komplette Abwicklung eines Kaufvorgangs. Wenn du den Preis eines Artikels in der Suche verfolgst, kannst du die genaue Produktvariante — etwa Größe oder Farbe — angeben und einen Maximalpreis definieren. Erreicht der Preis das festgelegte Ziel, informiert Google dich und kann, sofern du zustimmst, die Bestellung über Google Pay bei teilnehmenden Händlern auslösen.
Technisch kombiniert der Agentic Checkout Preisüberwachung, Regeln für Auslöser (Trigger), Zahlungsautorisierung und die Händler‑Integrationen. Nutzer legen Schwellenwerte und Bedingungen fest; die KI überwacht die Preisentwicklung automatisiert und schlägt bei Erreichen des Ziels Aktionen vor. Der Bestellprozess verwendet gespeicherte Zahlungsdaten im Nutzerkonto (z. B. Google Pay) und nutzt die Vertrags‑ und Zahlungs‑APIs der teilnehmenden Shops.
Wichtige Schutzmechanismen sind implementiert: Käufe werden nur nach ausdrücklicher Bestätigung des Nutzers abgeschlossen, und die Funktion ist aktuell auf berechtigte Händler in den USA beschränkt. Google hebt hervor, dass Automatisierung und Nutzerkontrolle kombiniert werden — die Technologie vereinfacht Abläufe, aber sie handelt nicht ohne Einwilligung.
Aus Händlersicht erfordert die Teilnahme an Agentic Checkout technische Integrationen, klare Richtlinien zu Preisen, Verfügbarkeiten, Rückgabe‑ und Stornierungsbedingungen sowie die Transparenz bei Gebühren und Lieferzeiten. Händler sollten zudem sicherstellen, dass ihr Bestandsmanagement in Echtzeit informiert ist, damit automatisierte Käufe nicht zu Überverkäufen führen.
AI Mode: Einkaufen wie im Gespräch mit einer Freundin
Der AI Mode von Google zielt darauf ab, die Suche in einen natürlichen Dialog umzuwandeln. Beschreibe in alltäglicher Sprache, was du suchst — so, wie du eine Freundin fragen würdest — und AI Mode liefert eine prägnante Antwort, angereichert mit visuellen Elementen, Preisvergleichen, Bewertungen und Lagerbestandsdetails. Google erklärt, dass diese Antworten auf die Fragestellung zugeschnitten und so formatiert sind, dass du sofort handeln kannst.
Das Zusammenspiel von AI Mode und den agentischen Funktionen bedeutet: Du kannst zunächst in natürlicher Sprache nach Empfehlungen und Alternativen fragen, dann eine Verfügbarkeitsprüfung durchführen lassen und im letzten Schritt — sofern gewünscht — den Agentic Checkout nutzen. Diese End‑to‑End‑User‑Journey reduziert Reibung und fasst mehrere Zwischenschritte zu einem durchgängigen Prozess zusammen.
Beispielsweise könntest du schreiben: „Ich suche eine wasserfeste Winterjacke in Größe M, warm gefüttert, bis 150 US‑Dollar.“ AI Mode liefert passende Treffer, zeigt Vor‑ und Nachteile, vergleicht Preise und bietet die Möglichkeit, direkt die Verfügbarkeit in nahegelegenen Geschäften prüfen zu lassen. Für Nutzer mit klaren Präferenzen kann dieser Ablauf Stunden an Recherchezeit sparen.
Gemini App erhält ebenfalls Shopping‑Tools
Die Gemini App in den USA enthält jetzt spezielle Shopping‑Funktionen. Der Assistent kann Geschenkideen vorschlagen, durchsuchbare Angebote anzeigen, Vergleichstabellen erstellen und Preise aus dem gesamten Web zusammenziehen — alles innerhalb der App. Ziel ist es, Kaufentscheidungen zu planen, Alternativen zu entdecken und auf einen Blick zu sehen, wo der gewünschte Artikel erhältlich ist.
Integrierte Funktionen der App umfassen unter anderem personalisierte Empfehlungen basierend auf bisherigen Suchen, die Erstellung von Wunschlisten und die Option, Produktseiten zu speichern oder direkt an den Agentic Workflow weiterzugeben. Die App ist als orthogonales Frontend gedacht: Sie ergänzt die klassische Suche und bietet eine fokussierte Umgebung, um Entscheidungen vorzubereiten und zu dokumentieren.
Technisch profitiert die Gemini App von multimodalen Fähigkeiten: Sie kann Bilder analysieren, Produktempfehlungen aus visuellen Eingaben erzeugen und sogar Rechnungen oder Bestellbestätigungen verarbeiten, um Nutzern bei der Nachverfolgung von Käufen zu helfen. Diese Integration macht die App zu einem praktischen Werkzeug für planvolle Käufer und Shopper, die mobil agieren.
Warum das wichtig ist
Diese Updates treiben die Suche weiter in Richtung transaktionaler Plattformen. Anstatt lediglich Produkte zu entdecken, ermöglicht Google Verifikations‑ und Kaufabläufe, die Zeit sparen und Reibung reduzieren. Für Käufer bedeutet das schnellere Entscheidungen, weniger vergebliche Wege in lokale Läden und eine höhere Wahrscheinlichkeit, Angebote in Echtzeit wahrzunehmen.
Für Einzelhändler und E‑Commerce‑Plattformen entstehen neue Herausforderungen und Chancen zugleich. Händler müssen Sichtbarkeit und Inventardaten so verwalten, dass Drittanbieter‑KI verlässliche Informationen liefern kann. Gleichzeitig eröffnet die Integration in Googles Ökosystem Potenziale für zusätzliche Verkäufe durch erhöhte Sichtbarkeit und unmittelbare Kaufabschlüsse.
Aus strategischer Sicht sollten Marken und Shops folgende Aspekte prüfen: API‑Anbindung und Stabilität der Bestandsdaten, klare Preis‑ und Lieferkommunikation, optimierte mobile Produktpräsentation und abgestimmte Rückgabe‑/Stornoprozesse. Eine gute technische Anbindung kann nicht nur Fehlkäufe reduzieren, sondern auch Konversionsraten verbessern, weil der Weg vom Entdecken bis zum Kauf verkürzt wird.

Aspekte, die es zu beobachten gilt
- Datenschutz und Berechtigungen: Google fragt vor dem Anrufen von Geschäften oder dem Auslösen von Käufen um Einwilligung, aber Nutzer sollten genau prüfen, welche Berechtigungen und Zahlungsdaten verwendet werden.
- Händler‑Eignung: Agentic Checkout funktioniert nur mit teilnehmenden Händlern. Noch ist nicht jedes Produkt oder jeder Laden verfügbar.
- Rollout‑Tempo: Funktionen werden zunächst in den USA eingeführt und können später auf weitere Kategorien und Regionen ausgeweitet werden.
Zusätzlich zu diesen Punkten gibt es technische und regulatorische Risiken, die beobachtet werden sollten. Dazu gehören die Konsistenz von Produktdaten über verschiedene Plattformen hinweg, mögliche Latenzen zwischen realer Verfügbarkeit im Laden und dem im System angezeigten Lagerbestand sowie rechtliche Fragen im Zusammenhang mit automatisierten Bestellungen. Händler sollten Monitoring‑Mechanismen einrichten, um Diskrepanzen schnell zu erkennen und zu beheben.
Auch die Nutzererfahrung muss sorgfältig gestaltet werden: Wenn ein automatischer Kauf nicht den Erwartungen entspricht oder wenn Informationen unklar sind, kann das Vertrauen in die Funktion schnell sinken. Transparente Ablaufbeschreibungen, einfache Stornierungswege und klare Kommunikationskanäle sind deshalb zentral.
Ob du gerade nach einem Geschenk für die Feiertage suchst oder einen Preisalarm für ein technisches Gerät verfolgst — Googles agentische Funktionen haben das Ziel, unnötige Arbeitsschritte im Kaufprozess zu eliminieren. Das ist ein Ausschnitt daraus, wie sich die Suche von einem reinen Entdeckungstool zu einem aktiven Assistenten wandelt, der anrufen, vergleichen und sogar bezahlen kann — allerdings nur dann, wenn du es ausdrücklich zulässt.
Aufseiten der Suchmaschinenoptimierung (SEO) und des Marketings bedeutet diese Entwicklung, dass Händler verstärkt auf strukturierte Produktdaten (z. B. Schema.org Produktangaben), aktuelle Bestandsinformationen und optimierte Merchant‑Feeds achten müssen. Sichtbarkeit allein reicht nicht mehr aus; Aktualität und Verlässlichkeit der Daten werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren.
Schließlich bleibt die Frage nach der Verantwortung: Wer haftet bei Fehlern in einem automatisierten Kaufprozess? Welche Rolle spielen die Händler, Zahlungsdienstleister und Google selbst? Diese rechtlichen und vertraglichen Aspekte werden in den kommenden Monaten von Juristen und Regulierungsbehörden genauer geprüft werden müssen. Nutzer sollten sich der bestehenden Rechte bewusst sein — etwa Rücktrittsrechte, Widerrufsfristen und Verbraucherschutzbestimmungen — und Händler sollten ihre AGB entsprechend anpassen.
In der Summe zeigt die Entwicklung, wie Agentic AI und vernetzte Handelsprozesse die Customer Journey vereinfachen können. Gleichzeitig erfordert sie sorgfältige Planung, robuste Integrationen und klare Kommunikation, um Vertrauen zu schaffen und den Mehrwert für alle Beteiligten zu realisieren.
Quelle: gsmarena
Kommentar hinterlassen