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Stellen Sie sich vor, Sie öffnen Ihren Posteingang und finden heraus, dass eine KI bereits Ihre privatesten Entwürfe überflogen hat. Beunruhigend? Ja. Faktisch? Microsoft hat es bestätigt.
Sicherheitsforscher bei Bleeping Computer haben den Fehler zuerst gemeldet: Ein Softwarefehler in der Chatfunktion von Copilot erlaubte es der KI, Entwürfe und bereits gesendete E-Mails mit dem Label Vertraulich zu lesen und zusammenzufassen. Es handelte sich dabei nicht um einen einmaligen Ausrutscher. Das Problem reicht bis in den Januar zurück und umging alarmierenderweise Kunden-Schutzmechanismen, die dafür gedacht sind, sensible Inhalte aus großen Sprachmodellen fernzuhalten.
Copilot Chat ist Bestandteil kostenpflichtiger Microsoft-365-Pakete und ermöglicht es Anwendern, Dokumente abzufragen und KI-gestützte Hilfestellung direkt in Word, Excel und PowerPoint zu erhalten. Doch die Bequemlichkeit dieser Funktion hatte ihren Preis, als die Chat-Komponente begann, Inhalte zu verarbeiten, auf die sie keinen Zugriff hätte haben dürfen. Microsoft verfolgt das Problem unter dem internen Tracking-Code CW1226324 und erklärt, dass Nachrichten mit dem Sensitivitätslabel Confidential irrtümlich von Copilot verarbeitet wurden.
Wie konnte das geschehen? Kurz gesagt: Ein Softwarepfad, der eigentlich geschlossen sein sollte, blieb offen. Selbst Unternehmen, die Data-Loss-Prevention-(DLP)-Regeln einsetzen – jene Schutzmechanismen, mit denen viele Organisationen verhindern, dass vertrauliche Informationen ihre Systeme verlassen – stellten fest, dass diese Regeln nicht ausreichten, um Copilot daran zu hindern, geschützte E-Mails aufzunehmen und zu summarieren.

Microsoft gibt an, Anfang Februar mit der Verteilung eines Patches begonnen zu haben. Dennoch bleiben einige Fragen offen. Das Unternehmen hat keine genaue Zahl betroffener Kunden veröffentlicht, und Sprecher lehnten zusätzliche Angaben zur Größe der Exposition ab, als sie danach gefragt wurden.
Die Besorgnis reicht über einzelne Postfächer hinaus. In dieser Woche teilte die IT-Abteilung des Europäischen Parlaments den Abgeordneten mit, dass interne KI-Werkzeuge auf Dienstgeräten blockiert wurden, da befürchtet wird, solche Systeme könnten potenziell vertrauliche Korrespondenz in Cloud-Dienste hochladen. Diese Maßnahme ist ein deutliches Beispiel dafür, wie ein einzelner Softwarefehler Organisationsrichtlinien über Nacht verändern kann.
Microsoft berichtet, der Fehler sei behoben und ein Rollout der Korrektur habe im Februar begonnen. Organisationen sollten dennoch ihre Richtlinien und Protokolle überprüfen, um sicherzustellen, dass keine sensiblen Daten offengelegt wurden.
Was sollten IT‑Verantwortliche jetzt tun? Behandeln Sie KI‑Funktionen wie jede andere Datenintegration: Prüfen Sie, welche Systeme an Ihren Mailflow angeschlossen sind, verifizieren Sie DLP‑Regeln gegen diese Integrationspunkte und verlangen Sie explizite Opt‑ins für KI‑Verarbeitung. Kurzfristig bedeutet das strengere Kontrollen und intensivere Überwachung. Langfristig erfordert es, von Anbietern klarere Transparenz darüber zu fordern, wie KI‑Komponenten mit Benutzerdaten interagieren.
Diese Situation enthält eine Lehre für jeden, der ohne Prüfung auf "Aktivieren" klickt: Bequemlichkeit ist ansteckend, Risiko auch. Behalten Sie Ihre Einstellungen im Blick – und stellen Sie die harten Fragen, bevor Sie einer KI Zugriff auf Ihre sensibelsten Arbeitsdaten gewähren.
Was genau ist passiert?
Die Kernaussage ist simpel, die technischen Details sind es weniger: Ein Fehler in der Chat-Integration von Microsoft Copilot führte dazu, dass Inhalte mit dem Label Confidential an die KI-Komponenten weitergereicht wurden, obwohl Schutzregeln dies verhindern sollten. Copilot Chat verarbeitet normalerweise Inhalt nur dann, wenn entsprechende Freigaben und Richtlinien dies erlauben. In diesem Fall jedoch existierte laut Microsoft ein Pfad in der Software-Architektur, über den Nachrichten fälschlicherweise an die KI-Processing-Pipeline gelangten.
Der interne Tracking-Code CW1226324 dokumentiert den Vorfall in Microsofts Fehlerverfolgung. Sicherheitsteams, die Vorfälle untersuchen, sprechen von einer unbeabsichtigten Ingestion (Aufnahme) sensibler E‑Mail-Inhalte in das Modell—ein Szenario, das insbesondere dann problematisch ist, wenn Informationen in ein externes Cloud- oder KI-System eingebracht werden.
Technische Hintergründe und Mechanik
Wie DLP-Systeme normalerweise schützen
Data Loss Prevention (DLP) arbeitet auf verschiedenen Ebenen: Erkennung sensibler Inhalte (z. B. Kreditkartennummern, Sozialversicherungsnummern, firmenspezifische Geheimnisse), Blockieren oder Alerting, und Durchsetzung von Transportregeln, die den Datenfluss einschränken. In Microsoft 365 erfolgt das oft über Exchange Transport Rules, Microsoft Purview DLP Policies, und Integrationen mit Threat Protection sowie Cloud Access Security Broker (CASB)-Lösungen.
Warum DLP hier nicht gereicht hat
In diesem Vorfall blieb ein Integrationspfad offen, der außerhalb der normalen DLP-Verarbeitungslogik lag. Mögliche Ursachen können sein: asynchrone Verarbeitungspipelines, die Daten vor der DLP-Prüfung weiterleiten; fehlende oder inkonsistente Tag‑/Label‑Propagation über Dienste hinweg; oder Ausnahmen in der Chat‑Integration, die verschiedene Inhaltsquellen für Analysen zusammenführt. Microsoft hat nicht alle technischen Details veröffentlicht, daher sind einige Aspekte spekulativ, aber die zugrundeliegende Herausforderung ist klar: KI‑Komponenten stellen neue Datenpfade dar, die traditionelle DLP-Regeln nicht automatisch abdecken.
Auswirkungen für Unternehmen
Risiken für Datenschutz und Compliance
Unternehmen, die vertrauliche Informationen verarbeiten—etwa personenbezogene Daten, juristische Korrespondenz oder Geschäftsgeheimnisse—könnten einem erhöhten Risiko ausgesetzt sein, wenn solche Daten unkontrolliert in KI‑Modelle gelangen. Solche Vorfälle können zu Datenschutzverletzungen führen, die Meldepflichten nach DSGVO oder anderen nationalen Vorschriften auslösen. Auch wenn Microsoft angibt, den Fehler behoben zu haben, bleibt unklar, wer wie lange betroffen war und ob sensible Inhalte tatsächlich extern persistiert oder von menschlichen Operatoren eingesehen wurden.
Rechtliche und regulatorische Folgen
Behörden und Compliance‑Teams müssen prüfen, ob Meldepflichten bestehen: Unter der DSGVO kann eine Verletzung personenbezogener Daten meldepflichtig sein, wenn ein Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen besteht. Darüber hinaus sind branchenspezifische Aufsichten (Finanzmarktaufsicht, Gesundheitsbehörden) zu informieren, falls regulatorische Anforderungen verletzt wurden. Unternehmen sollten rechtlichen Rat einholen und Dokumentationen bereithalten, die Audit‑Trails, Patch‑Zeitpunkte und Kommunikationswege mit dem Vendor belegen.
Konkrete Prüfungen und Logs, die Sie jetzt anstoßen sollten
- Überprüfen Sie Audit-Logs in Microsoft Purview und Exchange Online: Suchen Sie nach ungewöhnlichen Zugriffen, ungewöhnlichen Copilot‑API‑Aufrufen und nach Zeitfenstern, in denen der Fehler aktiv gewesen sein könnte.
- Prüfen Sie DLP‑Incident‑Reports und Regeln auf Ausnahmen oder Lücken in der Label‑Propagation.
- Konsultieren Sie SIEM- und CASB‑Protokolle, um Netzwerk‑ und Cloud‑Zugriffe auf AI‑Endpoints zu identifizieren.
- Dokumentieren Sie Patch‑Rollouts und konfigurative Änderungen seit Januar im Zusammenhang mit Copilot‑Integrationen.
- Führen Sie eine Risikoabschätzung durch, um zu bestimmen, welche Datentypen betroffen sein könnten und ob Meldepflichten zu erfüllen sind.
Empfohlene Sofortmaßnahmen für IT‑Leiter
- Validieren Sie, dass der Patch von Microsoft in Ihrem Tenant vollständig ausgerollt wurde und dass keine Staging‑ oder Testumgebungen unbeabsichtigt offen bleiben.
- Stellen Sie temporär die Nutzung von Copilot Chat auf Endgeräten ein, bis die interne Prüfung abgeschlossen ist.
- Verlangen Sie von Microsoft eine detaillierte Aufstellung der betroffenen Tenants, des Zeitfensters und der genauen Natur der exponierten Daten, soweit zulässig.
- Erzwingen Sie explizite Opt‑ins für KI‑Verarbeitung auf Nutzer‑ und Tenant‑Ebene, anstatt auf Standardopt‑outs zu setzen.
- Erhöhen Sie die Überwachung mit SIEM‑Korrelationen und Alerts für ungewöhnliche API‑Aufrufe an Copilot‑Endpunkte.
- Informieren Sie Compliance‑ und Rechtsabteilungen frühzeitig und bereiten Sie Kommunikationsvorlagen für Betroffene vor.
Langfristige Strategien und Best Practices
Dieser Vorfall zeigt, dass KI‑Funktionen in Unternehmensumgebungen nicht als reine Komfortfeatures behandelt werden dürfen. Sie sind Integrationspunkte mit höchster Priorität für Informationssicherheit. Langfristig sollten Organisationen:
- KI‑Governance‑Richtlinien etablieren, die Verantwortlichkeiten, Risikobewertungen und Kontrollmechanismen definieren.
- Vertragliche Zusicherungen (Data Processing Agreements) mit Anbietern fordern, die Datennutzung, Retention und Zugriffskontrollen für KI‑Dienste klar regeln.
- Privileged Access Management (PAM) und Zero‑Trust‑Prinzipien auf KI‑Integrationen anwenden.
- Private/managed endpoints oder on‑premise‑Optionen prüfen, wo möglich, um Datenexfiltration in öffentliche Modelle zu minimieren.
- Regelmäßige Penetrationstests und Red‑Team‑Übungen durchführen, die explizit KI‑Datenpfade testen.
Transparenz und Kommunikation mit Anbietern
Anbieter müssen künftig offener kommunizieren, wie ihre KI‑Services Daten verarbeiten. Wichtige Fragen für den Dialog mit Microsoft oder anderen Anbietern sind:
- Welche Komponenten durften auf welche Daten zugreifen?
- Wie werden Sensitivitätslabels über Dienste hinweg erhalten und geprüft?
- Gibt es Access‑Logs, die einen Zugriff durch Menschen oder interne Operatoren nachweisen oder ausschließen können?
- Wie sieht das Retention‑ und Löschkonzept für eventuell falsch verarbeitete Daten aus?
Was IT‑Teams aus diesem Vorfall lernen sollten
KI verändert die Angriffs- und Fehlerfläche in Unternehmensumgebungen. Selbst gut konfigurierte DLP‑Regeln reichen nicht automatisch aus, wenn neue Integrationspfade entstehen. Verantwortliche sollten:
- KI‑Integrationen als eigenständige Angriffspfade betrachten und in Risikoanalysen aufnehmen.
- Automatisierte Tests implementieren, die sicherstellen, dass Labels und Compliance‑Kontrollen bei Updates oder neuen Funktionen unverändert greifen.
- Ein Notfall‑Playbook für KI‑Vorfälle bereithalten, inklusive Kommunikationsplan, Patch‑Management und forensischer Schritte.
Fazit
Der Copilot‑Vorfall unterstreicht die Notwendigkeit, KI‑Funktionen mit derselben Sorgfalt zu behandeln wie andere Integrationen, die sensible Daten berühren. Technische Korrekturen sind wichtig, aber ebenso entscheidend sind organisatorische Maßnahmen: bessere Transparenz seitens der Anbieter, klare Governance, und die konsequente Einbindung von Compliance‑Teams. Kurzfristig sind verstärkte Kontrollen und Audits erforderlich; langfristig sollten Unternehmen ihre Sicherheitsarchitektur so weiterentwickeln, dass sie die speziellen Risiken von KI‑Verarbeitungen adressiert.
Behalten Sie Ihre Systeme im Blick, hinterfragen Sie Standardeinstellungen und fordern Sie von Anbietern klare Antworten zur Datenverarbeitung. Nur so lassen sich die Vorteile von KI nutzen, ohne unnötige Risiken für vertrauliche Informationen einzugehen.
Quelle: smarti
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