8 Minuten
Concept C setzt in London ein Statement
Audi brachte sein Concept C nach Großbritannien und präsentierte es an einem der öffentlichsten Orte, die man sich vorstellen kann: unter einer 14 Meter hohen LED-Wand am Piccadilly Circus. Die großflächige Projektion verstärkte Oberflächendetails, Lichtsignaturen und die Benutzeroberflächen-Logik und machte deutlich, dass es sich nicht um eine private Designstudie, sondern um die öffentliche Einführung einer neuen gestalterischen Ausrichtung handelt. Die Inszenierung in einem der verkehrsreichsten Innenstadtbereiche war weniger eine Show für Medieninsider als ein bewusstes Statement gegenüber Verbrauchern, Stadtbewohnern und internationalem Publikum.
Das Setting am Piccadilly Circus erlaubte es Audi, das Fahrzeug in großem Maßstab zu präsentieren: Bewegte Bilder, Nahaufnahmen von Oberflächenstrukturen und die Ausleuchtung der Lichtgrafiken vermittelten dem Publikum erstmals die Details jener Designstrategie, die das Concept C prägt. Öffentlichkeitswirksame Präsentationen dieser Art zeigen, dass Audi die Diskussion um das Design elektrischer Sportwagen aktiv anführt und versuchen will, das Image eines handwerklich geprägten Premium‑EVs zu etablieren.
Designphilosophie: radikale Einfachheit durch Ingenieurskunst
Das Concept C ist das erste greifbare Ergebnis von Massimo Frascellas neuer Designausrichtung für Audi. Statt eines modisch angelehnten Minimalismus hat Frascella Entscheidungen im ingenieurwissenschaftlichen Sinne reduziert: alles entfernen, was nicht wesentlich ist, bis nur noch das Wesentliche bleibt. Dieser Ansatz zielt auf eine 'radikale Einfachheit', die nicht nur optisch wirkt, sondern auch funktional und produktionsnah gedacht ist. Die Form folgt in diesem Konzept nicht nur der Ästhetik, sondern konkreten technischen Anforderungen wie Struktursteifigkeit, Aerodynamik und thermischem Management der Batterie.
Das Resultat ist ein elektrischer Roadster, der die DNA des klassischen TT als strukturelle Referenz trägt — nicht als nostalgisches Kostüm. Die Proportionen, das Verhältnis von Überhängen zu Radstand und die klaren Flächenlinien zielen darauf ab, eine moderne Interpretation des Roadster‑Ideals zu vermitteln: kompakt, aufmerksamkeitsstark und zugleich technisch überzeugend. Diese Herangehensweise unterstreicht Audis Absicht, Designwerte zu bewahren, die Markenidentität zu stärken und gleichzeitig einen glaubwürdigen Übergang in die Elektromobilität zu schaffen.

Optisch erfüllt das Concept C die Erwartungen: tief, breit und straff, mit kontrollierten Flächen und einer athletischen Masseverteilung, die die übertriebenen Proportionen mancher moderner Sportwagen vermeidet. Besonders hervorzuheben ist die Neuinterpretation des Singleframe‑Grills als vertikaler Rahmen — ein dezenter Verweis auf den Auto Union Type C der Markengeschichte. Die Tagfahrlicht‑Signatur besteht aus vier horizontalen Elementen, die zusammen einen neuen visuellen Code für Audis EV‑Ära bilden und die Wiedererkennbarkeit in der Dunkelheit erhöhen.
Im Innenraum setzt Audi die Designlinie fort und reduziert die Materialpalette bewusst. Aluminium fungiert als verbindendes Gestaltungselement über mehrere Oberflächen hinweg; physische Schalter kehren als gezielt eingesetzte, haptische Schnittstelle zurück. Das so genannte ‚Audi click‘ haptische Feedback ist prominent integriert und in einem gedämpften Titanium‑Ton gehalten, wodurch eine subtile, hochwertige Anmutung entsteht, die bewusst auf glänzende „Sci‑Fi“‑Plastikoberflächen verzichtet. Diese Material- und Bedienphilosophie zielt auf dauerhafte Haptik, intuitive Bedienung und eine handwerklich betonte Wertanmutung.

Reales Auto, reale Straßen
Das Concept C ist keine rein skulpturale Studie: Audi fuhr das Fahrzeug bereits im Herbst durch die Dolomiten, um zu demonstrieren, dass es straßenzugelassen und fahrfähig ist. Solche Tests sind mehr als PR‑Aktionen — sie dienen der Validierung von Fahrwerk, Lenkung, Thermik und Alltagstauglichkeit einer Elektroplattform unter realen Belastungen wie Steigungen, Kurvenfolgen und Temperaturwechseln. Audi hat die Tests genutzt, um das Zusammenspiel von Batterie‑Thermomanagement, Rekuperation und Fahrdynamik zu prüfen.
Dennoch hält sich Audi mit konkreten technischen Details bedeckt: Batteriekapazität, exakte Leistungswerte und die zugrunde liegende Plattform wurden bislang nicht offiziell bestätigt. Branchenbeobachter spekulieren, dass das Concept C entweder auf einer modifizierten Variante der PPE‑Plattform basiert oder auf einer eigenständigen Low‑Volume‑Sportarchitektur entwickelt wurde. Beide Ansätze haben Vor‑ und Nachteile: PPE bietet skalierbare E‑Tech‑Komponenten und erprobte Module, während eine bespoke Architektur mehr Freiheit für tiefgehende Fahrwerksoptimierung und Gewichtsverteilung ermöglicht — Aspekte, die für einen Roadster mit sportlichem Anspruch zentral sind.
Bei den Fahrtests dürfte Audi insbesondere auf Feinformungen der Lenkübersetzung, Federkennlinien und die Abstimmung der elektronischen Fahrerhilfen geachtet haben, um die Balance zwischen Agilität und Stabilität zu finden. Für Enthusiasten ist weniger die reine Leistung als vielmehr die Charakteristik der Leistungsabgabe, das Bremsgefühl und die Kommunikationsqualität zwischen Fahrer und Fahrzeug entscheidend — Bereiche, in denen ein elektrischer Roadster seine Glaubwürdigkeit beweisen muss.
Bemerkenswerte Premieren
- Erster Audi‑Roadster mit versenkbarem Hardtop; die Silhouette bleibt mit geschlossenem Dach kohärent und wirkt mit geöffnetem Dach noch entschlossener
- Neuer vertikaler Singleframe und weiterentwickelte DRL‑Signatur als visueller Code für Audis Elektrofahrzeuge
- Physische, präzisionsgefertigte Bedienelemente, die taktile Qualität und langlebige Haptik betonen

Position des Concept C im Audi-Portfolio
Audi ist eindeutig: das TT‑Emblem ist abgeschlossen, doch die Designwerte, die den TT kulturell prägend gemacht haben — Formklarheit, ingenieurmäßige Präzision und materielle Ehrlichkeit — leben im Concept C weiter. Bei der Präsentation in London verwies Audi‑UK‑Direktor José Miguel Aparicio auf den prägenden Einfluss früher Modelle wie TT und R8, die über Jahre das Bild der Marke mitbestimmt haben. Das Concept C soll diese Rolle jetzt ins elektrische Zeitalter übertragen und die Markenaussage von Audi als Anbieter technischer Eleganz neu definieren.
Für den Markt hat das Concept C eine zweifache Bedeutung: Es signalisiert zum einen die Absicht, charakterstarke Sportwagen‑DNA zu bewahren, und zum anderen, dass Audi bereit ist, diese DNA in ein eher elektrifiziertes, nachhaltiges Format zu überführen. Sollte das Fahrzeug in eine limitierte Serienfertigung übergehen, würde es eine deutlich premiumisierte Nische besetzen: einen volumenarmen, konzipierten Roadster für Enthusiasten, die Fahrspaß, Designreinheit und handwerkliche Qualität höher bewerten als reine Lade‑ oder Familiennutzen eines Massen‑EV.
Diese Positionierung hat strategische Konsequenzen: Audi könnte das Modell als Leuchtturmprojekt nutzen, um Innovationskraft zu demonstrieren, Preissensitivität niedrig zu halten und technologische Lösungsansätze später in größeren Baureihen zu skalieren. Ein solcher 'Halo‑Car' stärkt die Marke, schafft Begehrlichkeit und ermöglicht Rückschlüsse auf die Design- und Technikrichtung kommender Serienmodelle.

Was wir noch erfahren müssen
Zentrale Leistungs‑ und technische Daten sind weiterhin unbekannt. Käufer, Journalisten und Fachleute werden besonders auf folgende Punkte achten, weil sie die Praxistauglichkeit und Marktpositionierung des Concept C unmittelbar beeinflussen:
- Batteriekapazität und realistische Reichweite: WLTP‑Werte allein reichen nicht; praxisnahe Prüfzyklen, Ladekurven und Thermomanagement unter sportlicher Nutzung sind entscheidend
- Antriebskonfiguration: Einzelmotor‑ oder Dualmotor‑Setups, Leistungsklassen, Drehmomentverteilung und mögliche Performance‑Modelle mit Launch‑Control oder Torque‑Vectoring
- Fahrwerk und Chassisarchitektur: Welche Plattform wird genutzt (PPE‑Ableitung oder bespoke Low‑Volume‑Architektur)? Fragen nach Gewicht, Steifigkeit, Feder‑ und Dämpferkonzept sowie Einsatz von Leichtbauwerkstoffen sind zentral
- Preis und Produktionsstrategie: Wird das Concept C als exklusives Kleinserienmodell angeboten, mit handwerklichen Optionen und hoher Individualisierung, oder plant Audi eine limitierte Serienfertigung mit klarer Preisorientierung?
Weitere Details wie Ladeleistung, 800‑Volt‑Architektur, Rekuperationsstrategien und die Integration von Fahrerassistenzsystemen werden die Einordnung des Concept C in das Wettbewerbsumfeld erleichtern. Auch die Frage, inwieweit Audis klassische Sound‑ und Vibrationskonzepte in einem elektrischen Antriebsstrang ersetzt oder neu interpretiert werden, bleibt offen — ein Thema, das gerade für sportliche Käufer hohe Relevanz besitzt.

Abschließende Einschätzung
Unter den hellen Lichtern von Piccadilly wirkte das Concept C wie mehr als nur eine nostalgische Reminiszenz. Es zeigt einen plausiblen Weg vom Designethos des TT zu einer Zukunft, die von elektrischer Leistung und ingenieurmäßiger Einfachheit geprägt ist. Selbst wenn das Concept C nicht in unveränderter Form in Serie geht, liefert es wichtige Impulse für Design, Materialwahl und Bedienkonzepte, die sich später in größeren Modellen wiederfinden können.
Technologisch und marktwirtschaftlich bietet das Concept C Hinweise darauf, wie Premium‑Elektrofahrzeuge künftig gestaltet werden könnten: stärkere Fokussierung auf handwerkliche Qualität, gezielte Reduktion von Bedienelementen zugunsten einer hochwertigen Haptik und die Schaffung einer unverwechselbaren visuellen Identität für Audi im EV‑Segment. Als Positionierungsinstrument ist das Concept C ein starkes Signal — sowohl für Autoenthusiasten, die einen puristischen Roadster‑Charakter erwarten, als auch für Konkurrenzhersteller, die künftig auf ähnliche Konzepte reagieren müssten.
In Summe wirkt das Concept C wie ein bewusstes, wohlüberlegtes Statement: ein Design‑ und Technikkonzept, das Traditionen fortschreibt und gleichzeitig neue Maßstäbe für elektrische Sportwagen setzt — mit Blick auf Fahrdynamik, Materialität und eine klare, wiedererkennbare Markenästhetik.
Quelle: autoevolution
Kommentar hinterlassen