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Einleitung
Taschenkameras schaffen es oft, über ihre Größe hinaus zu leisten. DJI stellte das 2023 mit der Osmo Pocket 3 unter Beweis — ein handflächengroßer, stabilisierter Kamerakopf, der bei Vloggern und Creators beliebt wurde, die professionell wirkendes Filmmaterial wollten, ohne ein umfangreiches Rig mit sich zu schleppen.
Nun ist vivo leise in den Ring gestiegen. Der chinesische Smartphone-Hersteller teilte inländischen Medien mit, dass er eine dedizierte Vlogging-Kamera entwickelt, die gezielt auf die Osmo Pocket-Familie zielt, zu der offenbar bald ein neues Mitglied kommen soll. Das Projekt begann Ende des letzten Jahres, und Unternehmenskreise sagen voraus, dass das Produkt noch vor Ende 2026 auf den Markt kommen dürfte. Details sind rar, die Spannung wächst.
Warum das wichtig ist
Warum spielt das eine Rolle? Weil vivo nicht bei null anfängt. Jahrelange Verfeinerung von Smartphone-Sensoren, rechnergestützter Bildverarbeitung (computational imaging) und Low-Light-Tricks geben dem Unternehmen ein anderes Handbuch als klassischen Gimbal-Herstellern. Erwartet wird daher eine Betonung auf Bildverarbeitung und auf Aufnahmen, die bereits aus der Kamera heraus hervorragend aussehen — weniger Nachbearbeitung, mehr Teilen.

vivo setzt darauf, dass seine Kamera-Software und Sensor-Expertise einen Pocket-Gimbal in ein intelligenteres, stärker integriertes Werkzeug für Creator verwandeln können.
Der strategische Kontext
vivo bringt eine andere Perspektive in ein Segment, das bislang von Spezialisten wie DJI dominiert wird. Hersteller von Smartphones investieren seit Jahren massiv in Sensorentwicklung, Bildsignalprozessoren (ISP), KI-gestützte Rauschunterdrückung und automatische Szenenerkennung. Diese Fähigkeiten lassen sich auf kleinem Formfaktor besonders gut nutzen: Automatische Belichtungsoptimierung, intelligente Hauttöne bei Vlogs, HDR-Algorithmen für kontrastreiche Szenen und Rauschreduktion bei wenig Licht. Anders als bei herkömmlichen Gimbals könnte das Gerät also weniger auf mechanische Perfektion und mehr auf ‚Foto-/Video-Output, der sofort bereit ist‘ setzen.
Technische Ausgangslage: Was vivo mitbringt
Sensoren und Bildverarbeitung
vivo hat in seinen Smartphones oft größere Sensoren, ausgeklügelte Pixel-Binning-Strategien und leistungsfähige ISP-Chips verwendet. Diese Komponenten ermöglichen, mehr Licht einzufangen und Bilddaten besser zu verarbeiten. Auf einer kompakten Vlogging-Kamera könnten ähnliche Techniken zu deutlich besserer Low-Light-Performance und dynamischem Umfang führen als bei früheren Pocket-Kameras, die primär auf mechanische Stabilisierung und Optik setzten.
Rechenfotografie kann zudem Funktionen bieten, die traditionelle Gimbal-Hersteller nicht standardmäßig liefern, etwa automatische Rauschunterdrückung über mehrere belichtete Frames (Multi-Frame Noise Reduction), smarte Belichtungsfusion (für HDR-Videos) oder KI-gestützte Gesichts- und Szenenerkennung, die die Kameraentscheidungen in Echtzeit optimiert.
Software-Integration und Ökosystem
Ein weiterer Vorteil für vivo ist die Möglichkeit, die Kamera eng in ein bestehendes Ökosystem aus Smartphones, Apps und Cloud-Diensten einzubinden. Direkte drahtlose Übertragung von Material, automatische Backup-Optionen, synchronisierte Einstellungen zwischen Telefon und Kamera sowie spezielle Bearbeitungsprofile in der vivo-eigenen Software könnten für viele Nutzer ein entscheidender Mehrwert sein. Wer bereits vivo-Smartphones nutzt, würde so eine nahtlose Erweiterung seiner Content-Produktion erhalten.
Stabilisierung: Mechanisch, elektronisch oder hybrid?
Wird die Kamera einen mechanischen Gimbal wie die DJI-Modelle besitzen, oder setzt vivo auf eine hybride Stabilisierung, die optische und elektronische Methoden kombiniert? Stand heute ist das unbekannt. Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile.
Mechanische Gimbals
Mechanische Gimbals bieten meist die beste native Stabilisierung, insbesondere bei komplexen Bewegungen und bei langen Brennweiten. Sie stabilisieren unabhängig von der Rechenleistung und liefern sehr glatte Kamerafahrten. Allerdings sind mechanische Gimbals empfindlicher, teurer und energieintensiver.
Hybride und elektronische Stabilisierung
Hybride Systeme koppeln optische Bildstabilisierung (OIS) mit elektronischer Stabilisierung (EIS) und computergestützter Korrektur. Sie können kleiner und leichter sein, verbrauchen oft weniger Strom und nutzen Bilddaten, um Verwacklungen zu beschneiden und auszugleichen. In Kombination mit vivo-typischer Rechenfotografie könnten solche Lösungen sehr effektiv sein — besonders wenn die Software Bewegungsdaten der Sensorik intelligent auswertet, um Artefakte zu minimieren.
Mögliche Prioritäten und Funktionen
Welche Features wird vivo priorisieren? Drei Kernbereiche stehen im Raum: Videoauflösung & Bildraten, Sensorgröße & Low-Light-Performance, und smarte Framing-Tools für Einzelpersonen.
- 4K-Video bei hohen Bildraten: Für viele Creator ist 4K@60fps oder sogar 4K@120fps attraktiv, weil hohe Bildraten bei schnellen Bewegungen und zum Re-Timing helfen.
- Größerer Sensor: Ein größerer Sensor verbessert Low-Light-Fähigkeiten und dynamischen Umfang, ermöglicht geringere Schärfentiefe und wirkt hochwertiger — ein deutliches Differenzierungsmerkmal gegenüber sehr kleinen Sensoren.
- Automatisches Framing und Tracking: KI-gestützte Auto-Framing-Funktionen, die einen einzelnen Creator immer perfekt zentriert halten, sind für Vlogger besonders nützlich. Solche Features könnten in Kombination mit Gesichtserkennung, Bewegungsvorhersage und adaptiver Zoom-Logik realisiert werden.
- Direkte Integration mit vivo-Apps: Ein-Klick-Upload, automatische Presets für soziale Netzwerke, remote Steuerung per Smartphone und cloudbasierte Backup-Lösungen können die Nutzererfahrung vereinfachen.
Darüber hinaus sind Funktionen wie eingebautes Mikrofon mit Richtcharakteristik, Anschlussmöglichkeiten für externe Mikrofone, schnelle SSD- oder hohen internen Speicheroptionen und lange Akkulaufzeit typische Anforderungen für ernsthafte Vlogger.
Markt, Wettbewerb und Innovation
Mehr Wettbewerb kann Innovation beschleunigen. Wenn vivo ein Produkt liefert, das seine Stärken aus Smartphone-Bildverarbeitung mit der Komfortzone eines Pocket-Gimbals verbindet, gewinnen Creator eine zusätzliche praxisnahe Option. Für DJI bedeutet ein neuer Konkurrent mit Erfahrung in der Bildbearbeitung möglicherweise einen Druck, künftige Osmo-Modelle in unerwartete Richtungen weiterzuentwickeln — etwa stärker integrierte Software-Funktionen, bessere automatische Bildoptimierung oder engere Anbindung an Smartphones.
Solch ein Wettbewerb könnte auch folgende Entwicklungen antreiben:
- Schnellere Integration von KI-Funktionen in die Kamerafirmware
- Stärkerer Fokus auf Out-of-Camera-Quality (Material, das sofort veröffentlicht werden kann)
- Verbesserte Ökosystem-Kompatibilität zwischen Kameras und Smartphones
Preisgestaltung und Positionierung
Ein entscheidender Faktor bleibt die Preisgestaltung. vivo kann sich positionieren, indem es ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis bietet: hochwertige Bildqualität, starke Software-Features und Integration zu einem Preis, der sowohl Hobby-Creator als auch semiprofessionelle Vlogger anspricht. DJI hat aktuell starke Markenwahrnehmung im Gimbal-Segment, aber vivo kann mit dem Vorteil auftrumpfen, ein bereits existierendes Imaging-Ökosystem zu besitzen.
Praxis für Creator: Wann lohnt sich eine vivo-Pocket-Kamera?
Für wen wäre eine solche Kamera besonders interessant? Hier einige typische Anwenderprofile:
- Reisende Vlogger: Wer leichtes, kompaktes Equipment bevorzugt und trotzdem hohe Videoqualität will.
- Solo-Creator: Menschen, die sich häufig selbst filmen und von Auto-Framing sowie einfacher Bedienung profitieren.
- Social-Media-Producer: Nutzer, die schnellen Workflow schätzen — von Aufnahme bis Upload ohne aufwändige Nachbearbeitung.
- Hybrid-Nutzer: Creator, die bereits vivo-Telefone besitzen und einheitliche Workflows bevorzugen.
Für professionelle Filmteams oder Nutzer mit speziellen Anforderungen (z. B. wechselbare Objektive, besondere Anschlüsse, sehr lange Akkulaufzeiten) könnte ein spezialisiertes Gimbal- oder Kameraset weiterhin die bessere Wahl sein. Dennoch bietet ein vivo-Gerät eine überzeugende Balance zwischen Portabilität und output-fokussierter Bildqualität.
Unsicherheiten und offene Fragen
Es gibt noch viele Unbekannte. Wird vivo den Fokus auf eine tiefgehende Hardware-Innovation legen oder primär auf Software und Integration? Wie robust und zuverlässig wird die Stabilisierung im Alltag sein — besonders bei schnellen Bewegungen oder in windigen Bedingungen? Wie lange wird die Akkulaufzeit sein, und wie gut lässt sich die Kamera an bestehende Profi-Workflows anschließen?
Die Antwort auf diese Fragen entscheidet, wie breit der Markt für das neue Produkt sein wird. Bis vivo offizielle Spezifikationen veröffentlicht, bleiben viele Aussagen spekulativ, aber informierte Beobachter können aus den Stärken vivo-typischer Smartphones plausible Erwartungen ableiten.
Technische Details, die beobachtet werden sollten
Wenn vivo die Kamera offiziell vorstellt, sollten Interessenten besonders auf folgende technische Punkte achten:
- Sensorgröße und -typ (z. B. 1"-Typ vs. 1/1.3" oder kleiner)
- Maximale Videoauflösung und Bildraten (4K@60, 4K@120, 1080p@240 etc.)
- Art der Stabilisierung (mechanischer Gimbal, optische Stabilisierung, EIS oder Hybrid)
- Autofokus-System (Phasen-AF, Kontrast-AF, Laser, Tracking-Algorithmen)
- Audio-Optionen (integriertes Mikrofon, XLR-/3.5mm-Unterstützung via Adapter)
- Konnektivität (Wi‑Fi, Bluetooth, direkte Verbindung zu vivo-Smartphones, Cloud-Integration)
- Akkulaufzeit und Ladeoptionen (USB‑C PD, austauschbare Akkus)
Fazit
Zum jetzigen Zeitpunkt ist die vivo-Kamera mehr Gerücht als Datenblatt. Eines ist jedoch klar: Der Markt für kleine, hochwertige Vlogging-Werkzeuge wird interessanter. Ein Hersteller mit tiefem Wissen in Sensorik und Rechenfotografie kann die Kategorie neu definieren, indem er Fokus auf sofort veröffentlichbare Bildqualität und starke Integration legt.
Beobachten Sie vivo — und bereiten Sie sich darauf vor, Ihr Bild von dem, was eine Pocket-Kamera leisten kann, neu zu bewerten. Sollte vivo die Erwartungen erfüllen, könnte das Segment der kompakten Vlogging-Kameras in den nächsten Jahren deutlich an Tempo gewinnen und sowohl Preis- als auch Funktionsvielfalt für Creator verbessern.
Zusammenfassend: Die Mischung aus vivo‑typischer Bildverarbeitung, möglicher Hybridstabilisierung und tiefer Smartphone-Integration hat das Potenzial, eine echte Alternative zu etablierten Pocket-Gimbal-Lösungen wie der Osmo Pocket-Serie zu bieten. Ob vivo diesen Anspruch erfüllt, hängt von der Umsetzung in Hardware und Software ab — und davon, wie gut das Gerät in reale Produktions-Workflows passt.
Quelle: gsmarena
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