Milena Canonero: Die Meisterin des Kostümdesigns begeistert beim Locarno Filmfestival

Milena Canonero: Die Meisterin des Kostümdesigns begeistert beim Locarno Filmfestival

0 Kommentare

5 Minuten

Einführung: Eine Kostümlegende auf der Bühne von Locarno

Beim 78. Filmfestival in Locarno stand die gefeierte italienische Kostümbildnerin Milena Canonero im Mittelpunkt eines seltenen öffentlichen Gesprächs über eine Schaffenszeit, die moderne Filmästhetik geprägt hat. Als diesjährige Trägerin des Vision Award warf Canonero einen Blick zurück auf Jahrzehnte der Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren wie Stanley Kubrick, Wes Anderson, Sofia Coppola und Francis Ford Coppola. Sie gab Einblicke in kreative Routinen, materialtechnische Entscheidungen und die Entstehungsgeschichten einiger der unvergesslichsten Filmkostüme.

Zusammenarbeit mit Regisseuren: Von Kubricks Schweigen bis zur Symbiose mit Wes Anderson

Canonero schilderte, dass jeder Regisseur seinen eigenen Arbeitsrhythmus einbringt. Die Arbeit mit Stanley Kubrick erforderte viel Geduld: Seine Anweisungen kamen oft erst spät und verlangten von ihr große Flexibilität. Im Gegensatz dazu bezeichnete sie die Zusammenarbeit mit Wes Anderson als echten gegenseitigen Austausch. Sie erinnerte sich an ihr erstes Treffen im Chateau Marmont, bei dem sie über The Life Aquatic with Steve Zissou sprachen. Besonders Andersons Neugier und sein Engagement für Requisiten und Details prägten den kreativen Prozess der Figurenentwicklung.

Die violette Uniform als Markenzeichen von The Grand Budapest Hotel

Einer der liebsten Momente dieser Arbeit war für Canonero die Entstehung der mittlerweile ikonischen Lobby-Uniformen aus The Grand Budapest Hotel. Fernab des Üblichen – Schwarz, Braun oder Beige – entdeckte sie einen leuchtenden Lilaton und brachte ihn zu Andersons Landsitz. Dessen spontane, kindliche Begeisterung – er sprang sogar auf einen Stuhl – machte die Entscheidung sofort eindeutig. Das zeigt, wie ein Farbton zum visuellen Symbol eines ganzen Films werden kann.

Inspirationsquellen: Von Klimt über Popkultur bis hin zur Geschichte

Gefragt nach der stilisierten Madame D, gespielt von Tilda Swinton, erklärte Canonero, wie sie Stilelemente der 1920er und 30er Jahre mit künstlerischen Anspielungen auf Gustav Klimt verband – immer verwurzelt, aber auch poetisch überhöht. Auch für Sofia Coppolas Marie Antoinette entstanden die historisch inspirierten Kostüme aus einer Verbindung von Recherche und zeitgenössischem Feeling: Die Mode des 18. Jahrhunderts erhielt poppige Energie, im Gegensatz zum nüchternen Realismus in Barry Lyndon, und wagte spielerische Anachronismen.

Im Fokus: Megalopolis – Handlung, Besetzung und Canoneros Handschrift

Handlungsübersicht

Francis Ford Coppolas Monumentalwerk Megalopolis, selbstfinanziert und ambitioniert, stellt eine beinahe mythische Stadt in der Krise dar. Canonero beschreibt den Film als moderne Fabel um eine große Nation – angelehnt an Amerika –, die im Chaos versinkt und deren Architekt Cesar Catilina als Visionär gegen konservative Kräfte antritt.

Besetzung und Team

Adam Driver verkörpert Cesar Catilina, während Giancarlo Esposito eine gegensätzliche Rolle übernimmt. Regisseur und Produzent ist Francis Ford Coppola. Canonero konnte auf ihre lange Zusammenarbeit mit Coppola zurückgreifen und ließ bei der Kostümauswahl auch Anklänge an das antike Rom in die moderne Thematik einfließen.

Produktionsweise und Kostümkonzept

Da Megalopolis politische Allegorie und epische Breite vereint, entwickelte Canonero Kostüme, die ideologische Divergenz sichtbar machen: Stoffe und Konturen trennen den Vordenker vom Establishment, antike Motive werden für eine urbane Gegenwart neu interpretiert. Coppolas Fokus auf den moralischen und politischen Werdegang des Architekten bestimmte die Gestaltung: Kostüme als erzählerisches Mittel, nicht als bloße historische Referenz.

Karrierehöhepunkte: Auszeichnungen, Ausbildung und die Kunst der Neuerfindung

Canoneros Weg ist außergewöhnlich: Sie absolvierte kein klassisches Kostümdesign-Studium, sondern bildete sich mit Abendkursen in Großbritannien und ungebrochener Lernfreude weiter. Ihre Filmografie und zahlreiche Preise sprechen für sich: vier Oscars für Bestes Kostümdesign (Barry Lyndon, Chariots of Fire, Marie Antoinette und The Grand Budapest Hotel), diverse BAFTAs, Ehrungen der Costume Designers Guild und den Goldenen Bären – um nur einige zu nennen.

Kritische Resonanz und kultureller Einfluss

Kritiker und Publikum betonten immer wieder, wie sehr Canoneros Kreationen das filmische Erzählen prägen. Die Organisatoren von Locarno hoben hervor, dass sie seit Uhrwerk Orange visionäre Kostüme erschafft, die das Ausdrucksspektrum des Films bereichern. Ihre Entwürfe kleiden nicht nur Schauspieler, sondern schaffen emotionale Räume, definieren die Psyche der Figuren und werden oft selbst zu kulturellen Wahrzeichen.

Persönliche Eindrücke und Standpunkte

Canoneros Erzählungen offenbaren eine Designerin mit viel handwerklichem Können und einer ausgeprägten Experimentierfreude. Sie spricht über Farbe, Stoffe und historische Details mit der Hingabe einer Handwerkerin und der Neugier einer Künstlerin. Ihr Werk zeigt: Kostümbildnerei ist keine Bühnen-Dekoration, sondern ein erzählerischer Motor – in der Lage, Zeit, Ideologie und Innenleben sichtbar zu machen. Ihre Karriere ist für Filmschaffende und Design-Fans ein Lehrstück, wie Kostüme Geschichten auf ein neues Niveau heben können.

Warum Milena Canonero für Film- und Designliebhaber bedeutend ist

Ob Cineasten, Modehistoriker oder angehende Kostümbildner – Canoneros Vermächtnis bietet eine Blaupause: Gründliche Recherche, mutige Designentscheidungen, enge kreative Zusammenarbeit und ständiges Lernen sind ihr Markenzeichen. Ihr Auftritt in Locarno samt der Vorstellung von Megalopolis unterstrich, dass Kostümdesign zentral für die Vermittlung von Atmosphäre, Figurenzeichnung und Bedeutung im Film bleibt.

Fazit

Milena Canoneros Laufbahn im Film gleicht einem farbenprächtigen Gewebe aus prägenden Werken, vielseitigen Partnerschaften und furchtlosem Experimentieren. Ob das vergoldete „Marie Antoinette“-Kostüm, die leuchtenden Farben in The Grand Budapest Hotel oder die symbolischen Ebenen von Megalopolis – ihre Entwürfe beeinflussen bis heute, wie Filmemacher Geschichten visualisieren und Zuschauer sie im Gedächtnis behalten. In Locarno zeigte sie, dass Kostümbild bleibende Bedeutung für die Kunst und das Handwerk des Films hat.

Quelle: hollywoodreporter

Kommentare

Kommentar hinterlassen