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Columbia-Studie zeigt großen Anteil des Polymarket-Volumens durch Wash Trading
Eine neue Analyse von Forschern der Columbia University zeigt, dass ein erheblicher Teil der Handelsaktivitäten auf Polymarket in den letzten drei Jahren künstlich durch Wash Trading aufgebläht wurde. Die Untersuchung, geleitet von Yash Kanoria von der Columbia Business School, schätzt, dass etwa jede vierte Transaktion auf der Prognosemarkt-Plattform als Wash Trade zu klassifizieren ist und damit das ausgewiesene Handelsvolumen verzerrt hat.
Die Studie kombiniert quantitative Methoden mit heuristischen Regeln zur Identifizierung von Wash Trading und bezieht sowohl zeitliche Handelsmuster als auch Adressverknüpfungen in ihre Analyse ein. Durch die Verknüpfung on-chain und off-chain Daten sowie die Betrachtung von Handelssequenzen konnten die Forschenden Muster herausfiltern, die typisch für koordinierte Volumenmanipulation sind.
Umfang und Aufschlüsselung der Manipulation
Die Untersuchung quantifiziert Wash Trading in verschiedenen Marktsegmenten und zeigt deutliche Unterschiede zwischen Kategorien. Am stärksten betroffen waren demnach Sportmärkte, am wenigsten jene Märkte, die sich auf Krypto-bezogene Ereignisse beziehen. Zu den wichtigsten Ergebnissen zählen:
- Etwa 25 % der gesamten Transaktionen auf Polymarket werden als Wash Trades eingestuft.
- Sports Markets machten rund 45 % des gesamthaft durch Wash Trading zugeordneten Volumens aus.
- Wahlen und Wahlmärkte hatten etwa 17 % des Volumens betroffen.
- Politik-bezogene Märkte zeigten ungefähr 12 % des Volumens als manipuliert an.
- Krypto-bezogene Märkte waren vergleichsweise wenig betroffen und wiesen rund 3 % des Volumens auf, das mit Wash Trading in Verbindung gebracht wurde.
Diese Aufschlüsselung gibt nicht nur Aufschluss über das Ausmaß der Volumenverzerrung, sondern auch über Verhaltensmuster verschiedener Trader-Gruppen. So deuten die Daten darauf hin, dass Wash Trading in Bereichen mit hoher Medienaufmerksamkeit oder einfachen Tradability-Strukturen leichter zu betreiben ist. Sports Markets sind häufig durch viele kurzlebige, stark frequentierte Events geprägt, was koordinierte Wash Trades wirtschaftlich attraktiver machen kann.
Die Autoren betonen dabei, dass die beschriebenen Zahlen Schätzungen sind, die auf definierten Erkennungsalgorithmen basieren. Unterschiedliche methodische Annahmen können die absoluten Werte verschieben, doch das relative Muster — höchste Inzidenz in Sportmärkten, geringe Inzidenz in Krypto-Märkten — bleibt robust gegenüber verschiedenen Validierungschecks.
Verantwortung der Plattform und Reaktion
Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass Polymarket nicht direkt bei der Durchführung dieser manipulierten Trades als ausführende Partei identifiziert wurde. Allerdings könnten Plattform-Design, Benutzeroberfläche und bestimmte Features ungewollt Anreize oder Möglichkeiten für Wash Trading geschaffen haben. Insbesondere fehlende oder unzureichende Mechanismen zur Erkennung koordinierter Selbst-Trades und eine geringe Transparenz bei internen Marktmechaniken werden als mögliche Gründe genannt.
Ein Pressesprecher von Polymarket bestätigte gegenüber den Forschenden, dass das Unternehmen die Studie prüfe, wollte aber keine weitergehenden Aussagen machen. Plattformbetreiber stehen vor der Herausforderung, zwischen Nutzerfreundlichkeit, Liquiditätsförderung und dem Schutz vor Marktmanipulation abzuwägen. Die Implementation zusätzlicher Überwachungs- und Melde-Tools, strengere KYC/AML-Maßnahmen oder adaptive Gebührenstrukturen sind typische Gegenmaßnahmen, die Plattformen erwägen können.
Aus technischer Sicht können auch On-Chain-Indikatoren helfen, manipulative Aktivitäten zu identifizieren — etwa ungewöhnliche Muster von Wallet-Interaktionen, wiederkehrende Round-Trip-Trades zwischen wenigen Adressen oder hohe Handelsfrequenz ohne Änderung der Netto-Positionen. Solche Indikatoren sind jedoch nicht unfehlbar: koordinierte Akteure nutzen oft wechselnde Adressen oder Drittservices, um Erkennung zu erschweren.

Wachstum, Token-Launch und Markt-Kontext
Der Bericht erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem Polymarket ein signifikantes Nutzer- und Volumenwachstum verzeichnet. Im Oktober meldete die Plattform mehr als 477.000 aktive Trader, ein Anstieg von 48 % gegenüber dem Vormonat, und ein gesamtes Handelsvolumen von mehr als 3 Milliarden US-Dollar — damit mehr als doppelt so viel wie im September. Diese Dynamik folgte auf die Ankündigung des POLY-Tokens, ein begleitendes Airdrop-Programm und Pläne zur Wiederaufnahme des US-Marktes nach früheren regulatorischen Einschränkungen durch die Commodity Futures Trading Commission (CFTC).
Solch rapider Zuwachs kann mehrere Ursachen haben: ein erfolgreiches Marketing oder Incentive-Programme (etwa Airdrops), Verbesserungen in der Produktfunktionalität, sowie allgemeines gestiegenes Interesse an Prognosemärkten und Event-basierten Handelssystemen. Gleichzeitig erhöht schnelles Wachstum die Angriffsfläche für Marktmanipulation, da neue Trader und liquide Mittel Gelegenheiten für koordinierte Wash Trades bieten.
Die Einführung des POLY-Tokens ist dabei ein besonderer Katalysator: Token-Launches und Airdrops verleihen oft kurzfristig zusätzliche Liquidität und Nutzerinteresse, da Teilnehmer auf mögliche Belohnungen spekulieren. Diese Effekt kann die natürlichen Volumenlevel übersteigen und in Kombination mit unzureichender Marktüberwachung vorhandene Manipulationsmuster verstärken.
Sektorweiter Aufschwung bei Prognosemärkten
Die Dynamik von Polymarket ist kein Einzelfall: Prognosemärkte und spekulative Event-Märkte erleben derzeit einen breiteren Boom. Wettbewerber wie Kalshi meldeten im gleichen Zeitraum Handelsvolumina von über 4,4 Milliarden US-Dollar und unterstreichen damit das starke Anlegerinteresse an ereignisgetriebenen Märkten. Der Vergleich dieser Plattformen ist wichtig, um Marktintegrität, Liquiditätsquellen und Nutzerverhalten kontextualisiert zu bewerten.
Für Trader und Investoren, die Blockchain- und Krypto-Märkte beobachten, liefert die Columbia-Studie eine mahnende Erinnerung: Handelsvolumen allein ist kein verlässlicher Indikator für Marktgesundheit. Volumen kann durch Wash Trading aufgeblasen sein, wodurch Liquiditäts- und Preisindikatoren verzerrt werden. Indikatoren wie Orderbuch-Tiefe, Transaktionskosten, Verweildauer von Positionen und Adress-Diversität bieten ergänzende Perspektiven, um echte Liquidität von künstlich erzeugter Aktivität zu unterscheiden.
Darüber hinaus sollten Marktbeobachter die Rolle von Incentives (z. B. Token-Airdrops), Fee-Strukturen und API-Zugängen kritisch prüfen. Offene APIs und niedrige Handelskosten erleichtern zwar den Zugang und fördern legitime Aktivität, können aber auch die Durchführung automatisierter Wash Trades begünstigen, wenn geeignete Limits oder Überwachungsmechanismen fehlen.
Was das für Krypto- und Blockchain-Teilnehmer bedeutet
Für krypto-affine Nutzer bietet die Studie einerseits Entwarnung: Krypto-bezogene Märkte auf Polymarket waren anteilig weniger von Wash Trading betroffen als andere Kategorien. Andererseits macht die Analyse systemische Schwachstellen im Design von Prognosemärkten deutlich. Diese Schwachstellen betreffen sowohl zentralisierte als auch dezentralisierte Plattformen und reichen von unzureichender Adressüberwachung bis zu fehlenden Anreizstrukturen gegen Volumenmanipulation.
Exchange-Betreiber, dezentrale Plattformen (DeFi-Protokolle) und Regulierungsbehörden werden voraussichtlich verstärkt auf Volumeninflation und Marktintegrität achten, besonders in Phasen von Token-Launches und strategischer US-Rückkehr. Regulatorische Instanzen wie die CFTC haben bereits in der Vergangenheit Prüfungen und Restriktionen durchgeführt; zukünftige Maßnahmen könnten strengere Transparenz- und Meldepflichten, erweiterte Überwachungsanforderungen oder klare Definitionen für erlaubte Marktpraktiken umfassen.
Aus Sicht von Marktteilnehmern sind praktische Schritte zur Risikominderung sinnvoll: Diversifikation der Handelsplattformen, Nutzung von Tools zur On-Chain-Forensik, Prüfung der Adress-Herkunft und -Vielfalt, sowie das Hinterfragen ungewöhnlich hoher Volumina in kurzer Zeit. Institutionelle Anleger sollten zusätzlich Prozesskontrollen einführen, die ungewöhnliche Handelsmuster intern melden und eskalieren.
Technische Innovationen können ebenfalls helfen. Beispielsweise ermöglichen Machine-Learning-Modelle eine dynamische Erkennung anomaler Handelssequenzen, und Smart-Contract-basierte Märkte können Prüfpfade für Transaktionen bereitstellen, die spätere forensische Analysen erleichtern. Dennoch sind diese Ansätze nicht universal: sie benötigen gute Trainingsdaten, regelmäßige Validierung und die Bereitschaft der Plattformen, die notwendigen Datenfreigaben zu unterstützen.
Letztlich zeigt die Columbia-Analyse, dass Transparenz und robuste Marktmechanismen zentrale Faktoren für vertrauenswürdige Prognosemärkte sind. Sowohl Nutzer als auch Betreiber sollten sich der Möglichkeit von Volumenmanipulation bewusst sein und geeignete Gegenmaßnahmen implementieren — vor allem in Phasen erhöhten Wachstums oder bei attraktiven Token-Incentives wie Airdrops.
Die Debatte um regulatorische Eingriffe wird damit voraussichtlich an Intensität gewinnen: Aufsichtsbehörden müssen abwägen, wie sie Innovation nicht ersticken, aber gleichzeitig Marktmissbrauch verhindern. Für Plattformen bedeutet dies, proaktive Compliance- und Überwachungsstrategien zu entwickeln, die technische Detektionsmethoden mit klaren Richtlinien kombinieren.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Studie nicht nur Zahlen liefert, sondern auch einen methodischen Rahmen, mit dem Marktintegrität künftig besser bewertet werden kann. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für weitere Forschung und für praxisorientierte Maßnahmen zur Erhöhung der Transparenz in Prognosemärkten.
Quelle: crypto
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