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MG stellt erstes Serienfahrzeug mit Halb-Feststoff-Batterie vor
Auf der Guangzhou Auto Show gelang der SAIC-Marke MG ein leiser technischer Coup: Die überarbeitete MG4 Anxin Edition ist das erste in Serie produzierte Elektrofahrzeug, das mit einer Halb-Feststoff-Batterie (SSSB) ausgeliefert wird. Das neue Batteriepaket — gemeinsam mit QingTao Energy entwickelt — stellt einen bedeutenden Zwischenschritt dar zwischen der heute verbreiteten LFP-Chemie und den langfristigen Ambitionen vollfester Feststoffzellen.
Was die neue Batterie ist — und was sie nicht ist
Das 54-kWh-Lithium-Ionen-Paket auf Manganbasis in der MG4 Anxin Edition verwendet eine halb-feststoffartige Elektrolytformulierung, bei der Feststoffkomponenten das Gefüge des Elektrolyten dominieren, während ein geringer flüssiger Anteil verbleibt. Das Konzept zielt darauf ab, einige Vorteile von Feststoffansätzen zu übernehmen — bessere thermische Stabilität und potenzielle Zugewinne bei der Energiedichte — ohne die noch ungelösten Produktions- und Lebensdauerprobleme vollfester Feststoffzellen.
Technisch gesehen kombiniert eine halb-feststoffliche Architektur feste Partikel oder ein Gelmatrix-Bindemittel mit einer kontrollierten Menge flüssigen Elektrolyten, sodass ionische Leitfähigkeit erhalten bleibt, aber die Leitungswege und die thermische Reaktion anders gesteuert werden als bei reinen flüssigen Systemen. Dadurch sollen Risiken wie Elektrolyse und Dendritenwachstum reduziert werden, gleichzeitig bleibt die Fertigung näher an bewährten Nassbeschichtungsprozessen.

Allerdings bedeutet diese erste SSSB-Generation noch keinen sofortigen Leistungssprung gegenüber der standardmäßigen LFP-Batterie des MG4. Die Reichweite bleibt im CLTC-Zyklus unverändert und wird mit 530 km angegeben, und das neue Paket bringt ungefähr 15 kg Mehrgewicht in das Fahrzeug. Das deutet darauf hin, dass halb-feststoffliche Zellen in Sachen gravimetrischer Energiedichte noch in einer frühen Optimierungsphase sind.
Wichtig ist hier die Einordnung: Serienreife in Bezug auf Fertigungsfähigkeit ist ein technischer Meilenstein, aber sie impliziert nicht sofortige Überlegenheit in allen Leistungskennwerten. Hersteller konzentrieren sich nun auf iterative Verbesserungen der Elektrolytzusammensetzung, Partikelgrößenverteilung und Zellarchitektur, um das Verhältnis von Energie zu Gewicht und Volumen zu optimieren.
Wesentliche technische Aspekte der SSSB-Architektur
Halb-feststoffliche Systeme versuchen, eine Balance zwischen guter ionischer Leitfähigkeit und mechanischer Stabilität zu finden. Typische Hebel sind:
- Matrix-Design: Polymer- oder anorganische Bindemittel stabilisieren aktive Partikel und verhindern Mikrobewegungen innerhalb der Elektrode.
- Flüssigkeitsanteil: Ein minimierter, aber ausreichender Anteil an flüssigem Elektrolyt sorgt für Leitfähigkeit und Kontakt zwischen Elektrodenpartikeln.
- Partikeldispersion: Fein abgestimmte Partikelgrößen und Verteilung reduzieren lokale Stromdichten, was Dendritenbildung mindert.
- Temperaturverhalten: Die reduzierte Menge flüssigen Elektrolyten verbessert thermische Stabilität und kann die Entstehung thermischer Hotspots verringern.
Diese Stellgrößen sind erheblich komplexer als bei klassischen Flüssig-Elektrolyt-Batterien, aber weniger radikal als bei vollständig festen Elektrolyten, die andere Fertigungsstraßen und Druck-/Temperaturprozesse erfordern.
In der Praxis bedeutet das: Hersteller wie QingTao Energy arbeiten an Formulierungen, die in Standard-Zellengehäusen funktionieren und sich in bestehende Montageschritte integrieren lassen, während Forscher gleichzeitig an höherwertigen, trockenen Prozessschritten für die nächste Generation forschen.
Key specs and highlights
- Battery type: Semi-solid-state (manganese-based Li-ion)
- Capacity: 54 kWh
- Range: 530 km (CLTC)
- Weight change: +~15 kg vs. standard LFP pack
- Supplier: QingTao Energy (developed with SAIC)
Die oben aufgeführten Kernwerte geben die offizielle Positionierung wieder und sind wichtige Vergleichsgrößen gegenüber etablierten LFP-Paketen. Zu beachten ist, dass die Energiedichte sich sowohl gravimetrisch (Wh/kg) als auch volumetrisch (Wh/L) betrachtet werden muss — letztere ist gerade bei kompakten Fahrzeugen entscheidend für die Innenraum- und Strukturintegration.

Warum Automobilhersteller auf halb-feststoffliche Zellen setzen
Autohersteller und Batterieproduzenten stehen im Wettlauf, Energiedichte zu erhöhen, Kosten zu senken und die Sicherheit zu verbessern. LFP (Lithium-Eisenphosphat) hat sich als wirtschaftlicher Mainstream etabliert, dank hoher Sicherheit, Langlebigkeit und stetig verbesserter Energiedichte. Dennoch richtet sich der Blick der Branche längst auf die nächste Dekade, in der weitere Fortschritte nötig sind, um Reichweiten zu vergrößern, Ladezeiten zu verkürzen und Fahrzeuggewicht zu reduzieren.
Vollfeste Feststoffbatterien versprechen große Gewinne bei Energiedichte und Sicherheit, stehen aber vor erheblichen Herausforderungen in der großtechnischen Fertigung, bei der Skalierung der Prozesskosten und in Bezug auf dendritenbedingte Lebensdauerprobleme. Halb-feststoffliche Zellen gelten als pragmatische Brücke: Sie sollen Stabilität und Dichte gegenüber flüssigen Elektrolyten verbessern, ohne die komplette Umstellung auf neue Fertigungsprozesse erzwingen zu müssen.
Die MG4 Anxin Edition zeigt jedoch deutlich, dass Brückentechnologie Kompromisse bedeutet. Die Serienproduktion demonstriert, dass SSSBs in einer realen Produktionslinie hergestellt werden können — aber frühe Produkte zeigen, dass das Optimierungspotenzial noch groß ist, insbesondere bei der Massen- und Flächenenergiedichte.

Wesentliche Treiber für die Industrieentscheidung sind:
- Sicherheit: Reduzierte Menge flüssigen Elektrolyten kann thermische Risiken mindern und das Brandverhalten verbessern.
- Skalierbarkeit: Integration in vorhandene Fertigungslinien ist wirtschaftlich attraktiver als komplette Neuinvestitionen.
- Zwischengewinn bei Energiedichte: Selbst moderate Steigerungen können bei kompakten EVs spürbare Reichweitenvorteile bringen.
- Langfristige Roadmap: Hersteller nutzen SSSB-Produkte als Testfeld für Material- und Prozessdaten, die in zukünftige Feststoffgenerationen einfließen.
Marktkontext und der weitere Weg
Weitere Anbieter bewegen sich nach ähnlichen Zeitplänen. Svolt, beispielsweise, plant laut Berichten die Serienproduktion seiner ersten halb-feststofflichen Zellen Ende nächsten Jahres und nennt anfängliche Energiedichten um 270 Wh/kg. Das Unternehmen verfolgt aggressive Entwicklungsziele und strebt für nachfolgende Generationen Werte oberhalb von 400 Wh/kg an — mit einem Zielwert von 450 Wh/kg bis 2028. Gelingt eine solche Entwicklung, hätte das erhebliche Auswirkungen auf Verpackung, Reichweite und Gewicht bei kompakten Elektrofahrzeugen.
Für MG ist die Einführung der Anxin Edition mit dem Paket von QingTao strategisch: Sie positioniert die Marke als frühen Anwender fortschrittlicher Batterietechnik und bietet SAIC ein seriennahes Testfeld für Zellentwicklungen der nächsten Generation. Käufer und Enthusiasten sollten jedoch vorsichtig interpretieren: Die MG4 Anxin Edition beweist, dass halb-feststoffliche Batterien in Serienzahl produziert werden können, doch die praktischen Vorteile gegenüber etablierten LFP-Paketen entwickeln sich noch.
Wichtig ist die Beobachtung realer Nutzungsdaten: Temperaturmanagement, Ladegeschwindigkeit unter realen Bedingungen, Alterungsverhalten bei hoher Zyklenzahl und Unterschiede bei der Degradation sind Variablen, die erst im Feld umfassend beurteilt werden können. Automobilhersteller werden diese Informationen nutzen, um Elektrolytformulierung, Zell-Design und Batteriemanagementsysteme (BMS) zu verfeinern.
„Ein Fortschritt in der Chemie — noch keine Revolution bei Reichweite oder Gewicht“, sagt ein Brancheningenieur, der mit halb-feststofflichen Zellen vertraut ist.
Erwartet werden iterative Verbesserungen. Frühe Anwender liefern die notwendigen Realwelt-Daten, um Formulierungen und Herstellprozesse zu verfeinern. Forschung und Entwicklung konzentrieren sich auf:
- Erhöhung der gravimetrischen Energiedichte durch optimierte Elektrodendichte und Partikelarchitektur.
- Senkung des flüssigen Elektrolytanteils, ohne die Leitfähigkeit zu stark zu beeinträchtigen.
- Verbesserte Fertigungsverfahren, die Taktzeiten und Ausschussraten reduzieren.
- Optimiertes Thermomanagement und BMS-Strategien zur Verlängerung der Lebensdauer und zur Leistungsstabilisierung.
Die Halb-Feststoff-Ära hat damit ernsthaft begonnen, doch der Wettlauf, LFP in vielen Anwendungen zu übertreffen und die Verheißung echter Feststoffdichte zu realisieren, ist gerade erst in eine heiße Phase eingetreten.
Technische Details, die Kaufentscheidungen beeinflussen
Für Käufer und Flottenbetreiber sind neben der Reichweite auch Ladeverhalten, Lebensdauer, Sicherheitsbewertung und Recyclingfähigkeit entscheidend. Halb-feststoffliche Zellen können Vorteile beim thermischen Verhalten und bei der Alterung bieten, benötigen aber oft noch spezielle Kalibrierung des BMS, um Ladeprofile und Zellenausgleich optimal zu steuern.
Darüber hinaus haben Fahrzeugintegratoren weitere Faktoren zu prüfen: das Mehrgewicht von circa 15 kg beeinflusst die Fahrdynamik und den Energieverbrauch; die gleiche Reichweite unter CLTC muss im realen Fahrbetrieb validiert werden; und langfristige Kostenbetrachtungen (Total Cost of Ownership) hängen von Leasingzyklen, garantiertem Kapazitätserhalt und Recyclingkosten ab.
Auf Herstellerseite ist das Ziel, die Zellkosten pro kWh weiter zu senken — eine Aufgabe, die Materialkosten, Fertigungseffizienz und Skaleneffekte kombiniert. Halb-feststoffliche Konzepte bieten potenziell Einsparungen durch weniger aufwändige Sicherheitsmaßnahmen und geringeren Kühlungsaufwand im Batteriemodul, doch diese Effekte müssen gegen höhere Material- oder Prozesskosten abgewogen werden.
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine optimierte SSSB-Zelle in der Lage sein könnte, eine bessere Zyklusstabilität bei höheren Ladeleistungen zu erreichen, wenn die Grenzschichten an Elektroden gut kontrolliert sind. Dies setzt präzise chemische Additive, passende Separatordesigns und ein abgestimmtes Zellformwerk voraus.
Lieferkette, Produktion und Skalierung
Die Einführung einer neuen Zellchemie in die Serienproduktion berührt die gesamte Lieferkette: Rohstoffverfügbarkeit (zum Beispiel Manganpulver in kontrollierter Qualität), Vormaterialien für Elektroden, Anlagen für Beschichtung und Trocknung sowie Prüf- und Montagekapazitäten müssen skaliert werden. Partner wie QingTao Energy bringen technologisches Know-how ein, doch der Erfolg hängt von der Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette ab.
Auch regulatorische Fragen und Normen spielen eine Rolle: Sicherheitsprüfungen, Crash-Verhalten, Brandtests und Recycling-Auflagen werden bei neuen Zelltypen genau geprüft. Hersteller müssen daher nicht nur die Zellleistung, sondern auch Nachweismethoden und Reparatur-/Recyclingkonzepte entwickeln.
Für Staaten und Zulieferländer bedeutet der Trend zu neuen Batterieformen zudem strategische Entscheidungen in Bezug auf Produktionsstandorte, Förderprogramme und technologische Standards. Länder, die früh Infrastruktur und Qualifikationen für neue Zellprozesse aufbauen, können Wettbewerbsvorteile in der kommenden Batteriewertschöpfung erzielen.
Fazit und Ausblick
Die MG4 Anxin Edition mit Halb-Feststoff-Batterie ist ein wichtiger Proof-of-Concept: Sie demonstriert, dass SSSB-Technologien unter Serienbedingungen gefertigt werden können. Gleichzeitig zeigt sie, dass frühe Produktgenerationen Kompromisse mit sich bringen — insbesondere hinsichtlich Gewicht und aktuell noch nicht gesteigerter Reichweite gegenüber LFP-Basismodellen.
Kurzfristig sind halb-feststoffliche Zellen vor allem ein Werkzeug zur Risikominimierung und Datengewinnung: Hersteller sammeln Erfahrungen, verbessern Fertigungsprozesse und treiben Materialforschung voran. Langfristig könnten diese Ansätze den Weg zu echten Feststoffbatterien und deutlich höheren Energiedichten ebnen, was Reichweiten, Packdichte und Fahrzeugdesign fundamental verändern würde.
Für Käufer bedeutet das: Wer früh einsteigt, trägt Mitverantwortung für die Weiterentwicklung — und profitiert von aktuellen Sicherheits- und Stabilitätsvorteilen. Für die Branche ist die Einführung kurzfristig eine strategische Investition in die Batteriezukunft. Die Halb-Feststoff-Ära hat begonnen, und die nächsten zwei bis fünf Jahre werden entscheidend dafür sein, ob diese Technologie einen dauerhaften Platz in der Mobilitätslandschaft findet.
Quelle: autoevolution
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