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Netflix hat still und leise drei Animationsprojekte aus dem Jahr 2024 eingestellt, was Fans überrascht und erneut Diskussionen darüber entfacht hat, wie Streaming‑Plattformen entscheiden, welche Serien eine weitere Staffel bekommen. Zu den Absetzungen gehört Twilight of the Gods, die mythisch‑nordisch inspirierte Animationsserie des Filmemachers Zack Snyder — ein bemerkenswerter Schnitt angesichts von Snyders prominenter Zusammenarbeit mit Netflix und der starken Fanbasis, die der Serie folgte.
Welche Serien wurden abgesetzt?
Twilight of the Gods, Exploding Kittens und Good Times enden jeweils nach einer Staffel. Alle drei Serien feierten 2024 Premiere und laut Berichten von What’s On Netflix sowie Berichterstattung in Medien wie ComicBook plant Netflix keine zweiten Staffeln. Während Exploding Kittens — basierend auf dem populären Kartenspiel — eine relativ positive Resonanz erzielte und Twilight of the Gods dank Snyders Mitwirkung eine eingebaute Zuschauerschaft fand, hatte Good Times sowohl kritisch als auch kommerziell zu kämpfen und zog scharfe Negativkritiken sowie Kontroversen auf sich.
Die drei Produktionen repräsentieren unterschiedliche kreative Ansätze: Twilight of the Gods arbeitete mit epischer Bildsprache und mythologischer Erzählung, Exploding Kittens versuchte, die spielerische Dynamik eines Kartenspiels in eine wiedererkennbare Serienstruktur zu übersetzen, und Good Times verfolgte einen ironisch‑satirischen Ton, der bei vielen Kritikern nicht ankamen. Trotz unterschiedlicher Zielgruppen gelang es keiner der Serien, die internen Benchmarks von Netflix für eine Fortsetzung zu erreichen.
Zu beachten ist, dass Absetzungen nicht notwendigerweise das kreative Potenzial der beteiligten Teams oder die Qualität der Arbeit negieren. Bei Streaming‑Entscheidungen spielen wirtschaftliche Parameter, Zuschauerbindung und Datenanalysen eine sehr große Rolle — Faktoren, die für das Publikum nicht immer unmittelbar sichtbar sind.
Zu jedem Titel gab es spezifische Diskussionen: Bei Exploding Kittens debattierten Zuschauer und Kritiker über die Balance zwischen spielerischen Elementen und narrativer Tiefe. Twilight of the Gods polarisierte durch seine dichte Inszenierung und die Verbindung von nordischer Mythologie mit Snyders handsignierter Bildsprache. Good Times hingegen sah sich mit negativen Rezensionen konfrontiert, die auf Plot‑, Ton‑ und Zielgruppenprobleme hinwiesen.
Warum diese Absetzungen wichtig sind
Die Dreifach‑Absetzung verdeutlicht eine grundlegende Wahrheit des Streaming‑Geschäfts: Kritische Anerkennung alleine garantiert keine Langfristigkeit. Anbieter wie Netflix stützen Entscheidungen über Verlängerungen in wachsendem Maße auf messbare Kennzahlen — darunter Gesamtsehstunden, Abschlussraten, Retention über mehrere Wochen und wie stark eine Serie zur Reduktion von Abonnentenverlusten beiträgt. Ein einzelner positiver Kritikermeinung reicht nicht, wenn die quantitativen Nutzerdaten nicht überzeugen.
Technische Messgrößen, die heute oft verwendet werden, umfassen:
- Stunden gesehen innerhalb der ersten 28 Tage nach Veröffentlichung.
- Completion‑Rate pro Episode (wie viele Zuschauer beenden Episode 1, 2, 3 usw.).
- Wiederkehrende Zuschauer und die Anzahl der Wiederholungsabrufe.
- Geografische Performance und demografische Spreizung der Zuschauerbasis.
- Einfluss auf Abonnentenbindung (wie viele Abonnenten bleiben wegen dieses Titels länger).
Hinzu kommen Produktionskosten: Hochwertige Animationsserien mit komplexer Ästhetik oder bekannten Namen in der Besetzung haben oft höhere Budgets. Wenn die Zuschauerzahlen und die entsprechende Monetarisierung nicht entsprechend sind, fallen solche Produktionen relativ schnell aus der Gunst der Plattformen.
Beispielsweise wurde berichtet, dass Good Times lediglich 10% bei Rotten Tomatoes erzielte, während Exploding Kittens ein grundsätzlich günstigeres Urteil erhielt. Doch auch für Projekte mit positiven Kritiken gelten interne Benchmarks; Exploding Kittens konnte offenbar trotz eines „Fresh“‑Ratings die firmeninternen Anforderungen nicht erfüllen.
Die datengetriebene Entscheidungsfindung hat auch kulturelle Effekte: Studios und Showrunner könnten sich stärker an Formaten orientieren, die hohe Binge‑Raten und wiederkehrende Abrufe versprechen, statt an Nischenformaten mit langer Entfaltungszeit. Das beeinflusst langfristig die Vielfalt der Produktionen und die strategische Planung von Serienschaffenden.

Dieser Trend ist Teil eines größeren Musters. Netflix verzeichnete bereits große Animationserfolge — von japanischen Anime‑Titeln wie Sakamoto Days, Baki Hanma und Beastars bis zu amerikanischen Serien wie Devil May Cry, Castlevania und BoJack Horseman. Dennoch ist Erfolg selektiv; die Plattform priorisiert Projekte, die sowohl kulturellen Impact als auch zuverlässige Nutzerdaten liefern.
Zack Snyders Animationsserie gerät ins Stocken
Snyders Mitwirkung macht die Absetzung von Twilight of the Gods besonders auffällig. Snyder hat für Netflix mehrere prominente Projekte realisiert, darunter Live‑Action‑Titel wie Rebel Moon und Army of the Dead. Dennoch endeten mehrere seiner Netflix‑Projekte schneller als erwartet: So setzt sich Rebel Moon nicht über die geplanten ersten zwei Filme hinaus fort, und Twilight of the Gods endet nach einer Staffel — trotz frühzeitiger Andeutungen der Macher über mögliche Fortsetzungen.
Der Fall illustriert, dass selbst große Namen nicht automatisch Verlängerungen garantieren. Plattformen erwarten, dass hinter dem Markennamen auch messbare Zuschauerbindung steht. Für Fans ist das enttäuschend, denn viele hofften, Snyders visuelle Handschrift würde eine langlebige Animationssaga erzeugen. Gleichzeitig bleibt die erste Staffel als in sich geschlossene, oftmals aufwändige Arbeit bestehen, die für sich betrachtet gesehen und bewertet werden kann.
Die Dynamik zwischen etablierten Filmregisseuren und Streaming‑Plattformen hat sich verändert: Streaming‑Anbieter sind bereit, große Talente zu engagieren, verlangen aber auch transparente Leistungsnachweise. Dies kann dazu führen, dass kreative Freiheiten und kommerzielle Ziele stärker gegeneinander abgewogen werden müssen.
Filmkritikerin Anna Kovacs kommentiert dazu: „Streaming‑Entscheidungen heute basieren weniger auf künstlerischer Qualität und mehr auf harten Zahlen. Twilight of the Gods zeigte echte Ambition, doch die Kalkulation von Netflix ist unerbittlich — selbst etablierte Regisseure stehen unter dem gleichen Druck wie Newcomer.“
Kontext und kurze Vergleiche
Exploding Kittens setzt einen Trend fort, bei dem beliebte Spiele und bestehende Intellectual Property als Ausgangspunkt für Animationsserien dienen. Solche Adaptionen profitieren oft von einer eingebauten Fanbasis, sie stehen jedoch vor der Herausforderung, Spielmechanik und Narrative sinnvoll zu verknüpfen. Erfolgreiche Beispiele haben es geschafft, das Gefühl des Spiels zu bewahren und gleichzeitig erzählerische Tiefe aufzubauen, sodass ein breiteres Publikum abgeholt wird.
Im Gegensatz dazu zeigt Good Times, wie riskant das Feld der Adult Animation sein kann, wenn Konzept, Ton und Ausführung nicht gut zusammenspielen. Für diese Zielgruppe sind klare Figurenkonzepte, ein konsequenter Tonfall und eine erkennbare kulturelle Relevanz entscheidend. Fehlt eines dieser Elemente, nehmen negative Reaktionen und geringe Zuschauerbindung häufig rapide zu.
Weitere Entwicklungen im Bereich Netflix‑Animation zeigen jedoch, dass der Dienst weiterhin in das Medium investiert. So sind Projekte wie Living The Dream — eine neue Netflix‑Animation von einem Storyboard‑Künstler aus The Amazing World of Gumball — für 2026 vorgesehen. Auch Stranger Things: Tales From '85 in animierter Form und eine zweite Staffel von Devil May Cry stehen auf der Liste möglicher Releases. Diese Vielfalt signalisiert, dass Netflix trotz rigoroser Leistungsanforderungen an Animation glaubt und selektiv in potenziell erfolgreiche Formate investiert.
Für Kreative bedeuten die aktuellen Entscheidungen konkrete Handlungsfelder:
- Fokus auf wiederkehrende Zuschauer: Episoden und Staffeln so strukturieren, dass sie zu hohem Completion‑Rate und zu Wiederholungsabrufen führen.
- Budget‑Effizienz: Visuelle Ambition mit Kostendisziplin verbinden, um die Chance auf Verlängerung zu erhöhen.
- Internationale Ausrichtung: Formate entwickeln, die global funktionieren, denn starke internationale Performance kann interne Entscheidungsmatrizen positiv beeinflussen.
- Vermittlung von Mehrwert: Adaptionen sollten zusätzlich zur Vorlage erzählerische Erweiterungen bieten, die neue Zuschauer anlocken können.
Auf der Ebene der Plattformstrategie bedeuten diese Absetzungen auch, dass Netflix sein Portfolio dynamisch pflegt: Inhalte mit hohem ‚Return on Attention‘ werden gefördert, während Titel mit niedrigeren Nutzerdaten eingestellt werden, um Kapazitäten für potenziell erfolgreichere Produktionen freizusetzen.
Internationalisierung spielt eine wachsende Rolle: Anime und lokal produzierte Animationsformate haben global betrachtet stark an Marktanteil gewonnen. Netflix misst dies anhand spezifischer KPIs für verschiedene Regionen und Ländern. Serien, die in mehreren Märkten musikalisch oder narrativ ankommen, haben bessere Chancen, in das Langzeitprogramm aufgenommen zu werden.
Für Zuschauer fällt die Bilanz gemischt aus: Einige vielversprechende Serien endeten früh, doch Netflix’ Katalog enthält weiterhin starke IPs und neue Projekte mit großem Potenzial. Die nächste Welle an Animation könnte von strategisch geplanten Adaptionen, stärker datenorientierten Erzählformaten und crossmedialen Kampagnen profitieren, die von Beginn an auf wiederkehrende Zuschauer ausgerichtet sind.
Abschließend bleibt festzuhalten: Fans von Twilight of the Gods und den anderen abgesetzten Titeln können ihre kompletten ersten Staffeln weiterhin genießen. Gleichzeitig markiert diese Entwicklung einen Wendepunkt: Das Zeitalter der nahezu automatischen Verlängerung für hochkarätige Kreative ist offensichtlich eingeschränkt worden. Netflix wird weiterhin experimentieren, doch die Strategie ist klar datengetrieben — ein Umstand, der die Produktionsbedingungen für Animation in den kommenden Jahren nachhaltig prägen dürfte.
Quelle: smarti
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