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Honor fügt Dummy-Kamera hinzu, um iPhone-17-Pro-Design nachzuahmen
Erster Eindruck: Eine verblüffende Ähnlichkeit
Sieht man genauer hin, könnte man zweimal hinschauen. Aus der Distanz betrachtet könnte Honors neues Power2 problemlos für Apples aktuelles Pro-Modell gehalten werden — die gleiche erhöhte Kamerainsel, derselbe glänzende Cosmic-Orange-Glanz und ja, sogar ein drittes Objektiv, das faktisch nicht vorhanden ist.
Designstrategie: Kopie, Hommage oder Kalkül?
Es ist ein mutiger Schachzug. Das Power2 übernimmt visuelle Merkmale des iPhone 17 Pro so getreu, dass führende Technik-Bewertungen, darunter MKBHD, die Geräte nebeneinandergestellt und die Ähnlichkeiten für Zuschauer herausgearbeitet haben. Doch die Nachahmung bleibt nicht rein oberflächlich: Honor hat eine Software-Oberfläche namens „Transparenzmodus" in Android integriert, eine offensichtliche Anspielung auf Apples Liquid-Glass-Finish, die Hintergrundbilder, Icons und die gesamte visuelle Textur verändert, um diesen glasähnlichen Look nachzuempfinden.
Warum Optik wichtig ist
Design verkauft. Smartphones sind heute ebenso Mode-Accessoires wie Taschencomputer. Ein vertrauter Silhouetten- oder Farbreiz kann Kaufentscheidungen beeinflussen. Viele Hersteller kopieren daher nicht nur Hardware-Elemente, sondern auch UI-Details, die ein Gerät hochwertiger erscheinen lassen. Der Transparenzmodus von Honor ist ein Beispiel dafür: Ein einfacher Umschalter, mit dem Nutzer in die iPhone-ähnliche Designsprache eintauchen oder wieder davon abrücken können, wenn sie ein eigenständiges Erscheinungsbild bevorzugen.
Kameraanordnung: Zwei Kameras, drei Kreise
Hier wird die Geschichte ein wenig frech. Die hintere Insel des Power2 zeigt drei Kreise, doch unter der Oberfläche finden sich nur zwei funktionale Module: eine 50-Megapixel-Hauptkamera und eine 5-Megapixel-Ultraweitkamera. Das dritte Element ist ein Platzhalter — eine Scheinlinse, die ausschließlich aus ästhetischen Gründen verbaut wurde. Design-Theater statt funktionaler Sensor. Technische Datenblätter und Hands-on-Berichte, unter anderem von GSMArena, bestätigen dieses Detail.
Technische Erläuterung: Warum ein Dummy-Objektiv?
Ein Dummy-Objektiv hat keinerlei optische Logik oder Vorteile für Fotoqualität, dient allein der visuellen Symmetrie und der Assoziation mit teureren Geräten. Für Konsumenten, die Ästhetik und Markenassoziation schätzen, erzeugt ein zusätzlicher Kreis auf der Rückseite sofort eine Verbindung zu bekannten Premium-Smartphones. Für technisch orientierte Käufer hingegen ist das Fehlen eines echten Sensors ein klarer Abstrich.

Akkukapazität: Das echte Kaufargument
Und dann kommt die überraschende Wendung: die Akkulaufzeit. Während das Power2 auf Flagship-Kamera-Ruhm verzichtet, punktet es dort, wo viele Nutzer es tatsächlich bemerken — mit einer riesigen 10.080-mAh-Zelle, die Honor zufolge sogar andere Geräte aufladen kann. Das ist ein praktisches Ausstattungsmerkmal, das viele Anwender deutlich mehr zu schätzen wissen werden als eine dritte, nicht nutzbare Kamera. Bemerkenswert ist außerdem, dass Honor diese riesige Batterie in ein Gehäuse integrieren konnte, das mit 7,98 mm überraschend schlank bleibt — dünner als das iPhone 17 Pro Max.
Leistungsdaten und Realwelt-Impact
Ein Akku mit 10.080 mAh verspricht mehrere Tage Laufzeit bei moderater Nutzung, ausgedehnte Bildschirmzeit und lange Standby-Intervalle. Darüber hinaus ermöglicht die Fähigkeit, andere Geräte zu laden (Reverse Charging), eine praktische Nutzung als externes Powerpack, etwa zur Notladung von Kopfhörern oder eines anderen Smartphones. Für Vielnutzer, Pendler oder Reisende, die lange Abstände zwischen Steckdosen haben, ist das ein starkes Verkaufsargument.
Hardware und Performance: Ausgewogene Kompromisse
Selbstverständlich gibt es Abstriche. Das Power2 verfolgt nicht das Ziel, rohe Performance-Spitzenwerte zu erreichen. Angetrieben wird das Gerät von Mediateks Dimensity 8500, kombiniert mit bis zu 12 GB RAM und einem LTPS-OLED-Panel — statt den aktuell schnellsten Prozessoren und fortschrittlichsten Displays, die man in Flaggschiffen findet. Diese Auswahl wirkt kalkuliert: Honor favorisiert Ausdauer und Kosteneffizienz statt Spitzenbenchmark-Werte.
Was der Dimensity 8500 bedeutet
Der Dimensity 8500 ist ein leistungsfähiger SoC der oberen Mittelklasse: effizient, mit soliden CPU- und GPU-Fähigkeiten für Alltag, Multimedia und moderates Gaming, aber nicht ganz auf dem Niveau der Spitzenchips von Qualcomm oder Apples eigenen Siliziumlösungen. In Kombination mit LTPS OLED ergibt sich ein Display mit guter Darstellungsqualität bei moderatem Energieverbrauch — ein sinnvolles Setup für ein Gerät, das auf Langläufer-Batterie optimiert ist.
Software: Transparency Mode und visuelle Täuschung
Honor hat mit dem sogenannten Transparenzmodus eine Software-Strategie eingeführt, die das Design-Narrativ ergänzt. Diese Benutzeroberfläche verändert Hintergrundbilder, App-Icons und die Textur des Systems so, dass das gesamte Erscheinungsbild dem glasigen, fast flüssigen Look ähnelt, den Apple mit Liquid Glass populär gemacht hat. Nutzer können wählen, ob sie diese Ästhetik aktivieren oder ein neutraleres Theme nutzen möchten.
UI-Anpassung als Verkaufsargument
Die Möglichkeit, das Erscheinungsbild mit einem Schalter zu wechseln, ist ein cleverer Move. Sie gibt dem Käufer Kontrolle und reduziert den Vorwurf direkter Kopie, da der Look optional ist. Gleichzeitig erlaubt diese Option Honor, auf kosmetischer Ebene mit Premium-Assoziationen zu punkten, ohne teurere Hardwarekomponenten verbauen zu müssen.
Marktpsychologie: Warum solche Designentscheidungen funktionieren
Das Power2 demonstriert ein grundlegendes Prinzip von Produktpsychologie: Oberflächliche Signale können die Wahrnehmung von Qualität stark beeinflussen. Ein vertrauter Look suggeriert Vertrautheit, Prestige und damit vermeintlich gleichwertige Qualität. Hersteller nutzen diesen Effekt gezielt, um ein günstigeres Produkt in einem Premium-Cluster zu positionieren. Honor kombiniert diese Strategie mit handfesten, praxisorientierten Vorteilen — wie der außergewöhnlichen Akkukapazität — um ein ausgewogenes Angebot zu schaffen.
Risiken der Strategie
Allerdings birgt dieser Ansatz auch Risiken. Für Käufer, die Authentizität und Transparenz schätzen, kann ein Scheinobjektiv als irreführend empfunden werden. Medien und Technik-Communities könnten solche Designs kritisieren, was Markenreputation und langfristiges Vertrauen beeinträchtigen kann. Ob diese Kosten die kurzfristigen Verkaufsgewinne überwiegen, hängt von Zielgruppe und Positionierung im Markt ab.
Wofür lohnt sich das Power2?
Die Antwort hängt stark von den Prioritäten des Nutzers ab. Wenn Sie Wert auf außergewöhnliche Akkulaufzeit, ein schlankes Gehäuse und ein Design legen, das einem teureren iPhone ähnelt — ohne den entsprechenden Preis zu zahlen —, ist das Power2 attraktiv. Wenn Ihnen dagegen reine Kameraleistung, echtes Flagship-Silicon und maximale Display-Technologie wichtiger sind, ist das Power2 wahrscheinlich nicht das richtige Gerät.
Empfehlungen nach Nutzertyp
- Vielnutzer/Reisende: Ideal wegen der 10.080-mAh-Batterie und der Reverse-Charging-Funktion.
- Designbewusste Käufer: Ansprechend, sofern sie ein iPhone-ähnliches Finish wünschen, aber nicht zwingend das Markenbild benötigen.
- Fotografie-Enthusiasten: Weniger empfehlenswert, da ein eigentliches drittes Objektiv fehlt und die Kamera-Hardware nicht dem Flaggschiff-Niveau entspricht.
- Power-User/Gamer: Ausreichend, aber wer absolute Spitzenleistung erwartet, sollte höherwertige SoCs in Erwägung ziehen.
Fazit: Strategie zwischen Cleverness und Kontroverse
Kopie oder Hommage? Design oder Täuschung? Das müssen Sie entscheiden. Klar ist: Honor versteht die Psychologie hinter Premium-Design und ist bereit, optische Signale zu imitieren, um diesen Halo-Effekt zu erzielen — und die offensichtlichen Kompromisse mit pragmatischen Hardware-Entscheidungen wie einer enormen Batterie und optionalen UI-Stilen auszugleichen.
Ob die Strategie des Power2 als klug oder zynisch empfunden wird, hängt davon ab, was man an einem Smartphone schätzt. Wer Akkulaufzeit und ein iPhone-ähnliches Finish ohne Apple-Preisschild möchte, wird interessiert sein. Wem Authentizität wichtiger ist, dem dürfte das Dummy-Objektiv zu weit gehen.
Eines jedenfalls zeigt das Power2 deutlich: In der Smartphone-Gestaltung zählen Erscheinungsbild und Wahrnehmung nach wie vor — manchmal mehr als die Technik, die sich dahinter verbirgt.
Quelle: wccftech
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