Nach Bitcoin und Ethereum: Solana, XRP und die Unsicherheit

Nach Bitcoin und Ethereum bleibt unklar, welche Kryptowährungen auf Rang drei und vier folgen. Der Artikel analysiert Solana, XRP, ETF-Effekte und relevante On-Chain- bzw. Liquiditätskennzahlen für institutionelle Anleger.

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Nach Bitcoin und Ethereum: Solana, XRP und die Unsicherheit

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Unsicherheit der Investoren reicht über Bitcoin und Ethereum hinaus

Krypto-Investoren sind sich uneins, welche Token nach Bitcoin und Ethereum Beachtung verdienen, so Anthony Bassili, Präsident von Coinbase Asset Management. Im Gespräch mit Cointelegraph auf der The Bridge-Konferenz in New York City erklärte Bassili, dass in der Investment-Community ein klarer Konsens für die ersten beiden Portfolio-Positionen besteht: Bitcoin an erster Stelle, gefolgt von Ethereum. Darüber hinaus ist der Markt jedoch uneinheitlich und von divergierenden Einschätzungen und Prioritäten geprägt.

Diese Unsicherheit spiegelt sich in der Art und Weise wider, wie Portfoliomanager Risiko, Liquidität und langfristige Nutzbarkeit bewerten. Während Bitcoin als digitales Wertspeicher-Asset und als Hedge gegen monetäre Inflation betrachtet wird, sehen viele Investoren Ethereum primär als Plattform für Smart Contracts, DeFi und NFTs, deren Ökosystem tiefe Netzwerkeffekte erzeugt. Jenseits dieser beiden besteht weniger Einigkeit: Bewertungsmaßstäbe wie Marktliquidität, On-Chain-Aktivität, Entwickler-Engagement, Governance-Struktur und regulatorische Risiken führen zu sehr unterschiedlichen Priorisierungen einzelner Layer-1- und Layer-2-Projekte.

Für institutionelle Investoren spielen zudem operationelle Aspekte eine große Rolle: Verwahrung (Custody), regulatorische Klarheit, handelbare Derivate und die Verfügbarkeit von konformen Produkten wie Spot-ETFs oder verwalteten Fonds beeinflussen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Token in den Kern eines digitalen Asset-Portfolios aufgenommen wird. In der Praxis sehen wir deshalb eine Dreiteilung: klare Kernwerte (Bitcoin/Ethereum), eine engere Auswahlliste potenzieller Kandidaten und einen breiten „tail“ von Projekten, deren Aufnahme stark von kurzfristigen Ereignissen oder technologischen Durchbrüchen abhängt.

Solana könnte den dritten Platz einnehmen, aber Fragen bleiben

Bassili merkte an, dass Solana (SOL $142.77) „vielleicht“ das dritte Asset auf den Radar vieler Investoren sei. Solana profitiert von hoher Entwickleraktivität, einem lebendigen DeFi- und NFT-Ökosystem sowie niedrigen Transaktionskosten und hoher Durchsatzkapazität. Diese Eigenschaften machen das Netzwerk für dezentrale Anwendungen attraktiv, insbesondere für Projekte, die auf hohe Transaktionsgeschwindigkeiten und niedrige Latenz angewiesen sind.

Gleichzeitig bestimmen Faktoren wie Liquidität, Skalierbarkeit unter Real-World-Lasten und tatsächliche Anwendungsebene-Adoption, ob sich Solana dauerhaft als dritter großer Layer-1 behaupten kann. Technische Unterschiede—beispielsweise Solanas Proof-of-History-Ansatz kombiniert mit Proof-of-Stake, das Validator-Netzwerk und Mechanismen zur Transaktionsverarbeitung—ermöglichen theoretisch hohe Transaktionsraten, doch praktische Herausforderungen wie vergangene Netzwerkunterbrechungen, Infrastruktur-Stabilität und die Robustheit von RPC-Providern bleiben zentrale Bewertungskriterien für institutionelle Anleger.

Investoren beobachten neben reinen Performance-Kennzahlen auch die Breite der Ökosystem-Infrastruktur: dezentrale Börsen (DEXs), Liquiditätsprotokolle, Lending-Plattformen, Oracles, Wallet-Integrationen und die Verfügbarkeit von Audit- und Sicherheitsdienstleistungen. Nur wenn diese Komponenten stabil und skalierbar vorhanden sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Solana unabhängig von kurzfristigen Hypes als dauerhafte Allokation angesehen wird. Bassili betonte, dass nach Solana ein „sehr großer Abstand" zum nächsten Anwärter, XRP (XRP $2.27), bestehe — ein Ausdruck dafür, wie selektiv viele Portfoliomanager heute vorgehen.

Darüber hinaus beurteilen erfahrene Investoren Solana anhand von On-Chain-Kennzahlen wie durchschnittlichen Gebühren, Transaktionen pro Sekunde (TPS) unter Realbedingungen, durchschnittlicher Blockzeit, Netzwerk-Übergangszeiten und dem Verhältnis zwischen aktiven Smart Contracts und passiven Token-Transfers. Ergänzend spielen Off-Chain-Indikatoren eine Rolle: die Anzahl aktiver Entwickler-Repositories, Finanzierung durch VCs, Partnerschaften mit großen Infrastruktur-Anbietern und Engagements in der Gaming- sowie NFT-Community. Zusammen bilden diese Daten ein Bild der langfristigen Nachhaltigkeit des Ökosystems, das über reine Preisperformance hinausgeht.

Kann XRP die Lücke schließen und Platz vier erreichen?

XRP hat operationelle Fortschritte gezeigt. Bassili verwies auf strategische Maßnahmen von Ripple, etwa die Akquisition eines Custodians, die Integration einer Schicht zur Orchestrierung von Stablecoins sowie die Einbindung eines Broker-Dealers in das Ökosystem. Solche Schritte zielen darauf ab, die Netzwerknutzbarkeit und die Liquidität von XRP zu erhöhen — zwei Schlüsselmetriken, die Investoren beachten, wenn sie einen Token für die Aufnahme in ein Kernportfolio bewerten.

Technisch bietet das XRP Ledger einige Eigenschaften, die für schnelle grenzüberschreitende Zahlungen und Liquiditätslösungen attraktiv sind: ein konsensorientierter Ledger-Mechanismus mit sehr kurzen Bestätigungszeiten, ein geringes Gebührenniveau und native Funktionen wie Escrow und Trustlines. Darüber hinaus hat Ripple Produkte wie On-Demand Liquidity (ODL) positioniert, die Fiat-Rampe- und Brückenfunktionen kombinieren, um Zahlungsflüsse in verschiedenen Währungen zu erleichtern. Durch gezielte Integrationen mit Custodians und Broker-Dealern versucht Ripple, institutionalisierten Marktteilnehmern die nötigen Infrastrukturbausteine bereitzustellen.

Dennoch rät Bassili zur Vorsicht: Bevor XRP als klarer Kandidat für den vierten Platz gilt, müssen Investoren eine verbesserte „Netzwerkgeschwindigkeit“ (network velocity), nachhaltige On-Chain-Liquidität und eine klarere, wiederholbare Rolle im globalen Liquiditäts-Ökosystem sehen. Praktisch bedeutet das: tägliche Transaktionsvolumina, Anzahl aktiver Wallets, Tiefe der Orderbücher auf zentralisierten und dezentralen Börsen, Verfügbarkeit von Market-Making-Kapazitäten sowie die Rolle von XRP in grenzüberschreitenden Zahlungskorridoren müssen konsistent positive Signale senden.

Darüber hinaus spielt die regulatorische Umgebung eine Rolle bei der institutionellen Akzeptanz. Institutionelle Investoren verlangen Rechtssicherheit und nachvollziehbare Compliance-Strukturen, bevor sie wesentliche Kapitalbeträge in ein Asset allozieren. Ripple hat Schritte unternommen, um regulatorische Compliance und institutionelle Integrationen zu verbessern; ob diese Maßnahmen ausreichend sind, um das Vertrauen großer Vermögensverwalter und Pensionsfonds zu gewinnen, bleibt Gegenstand laufender Bewertung.

Trotz der Fortschritte warnte Bassili, dass Investoren weiterhin eine klarere Beteiligung von XRP am breiteren Liquiditäts-Ökosystem sehen müssen. Praktisch heißt das: soll XRP als Top-4-Asset anerkannt werden, muss das Token in verschiedenen Marktsegmenten als zuverlässiger Liquiditätsanker fungieren — nicht nur in Nischenanwendungen. Ripple nehme „alle richtigen Schritte“, sagte Bassili, doch der Markt müsse überzeugt werden, dass das Protokoll bereit sei, in eine höhere Liga aufzusteigen.

Aus Investorensicht sind zudem Messgrößen wie Realized Liquidity (realisierbare Liquidität bei definierten Spread- und Volumen-Parametern), Cross-Exchange-Arbitrage-Fenster und die Anzahl institutioneller Counterparties, die aktiv mit XRP handeln oder Liquiditätsdienstleistungen bereitstellen, entscheidend. Ohne diese verlässlichen Marktstrukturen bleibt die Aufnahme in einen Core-Portfolio-Bereich riskanter.

ETF-Interesse und Marktmechanik

Marktinstrumente prägen ebenfalls die Investoren-Nachfrage. Canary Capitals XRP-ETF verzeichnete am ersten Handelstag ein Volumen von 58 Millionen US-Dollar — der erfolgreichste ETF-Debütwert des Jahres 2025 sowohl im Krypto- als auch im traditionellen ETF-Segment, so der Bericht. Solche Zahlen nähren die Erzählung, dass institutionelle Produkte die Adoption beschleunigen können, indem sie einfachen Zugang, Verwahrungslösungen und regulatorische Verpackungen bieten, die viele große Investoren bevorzugen.

Allerdings warnte Bassili davor, dass Narrativen bei unvollständiger Validierung durch Cashflows und On-Chain-Aktivität zu Fehleinschätzungen (Mispricing) führen können. ETFs haben Mechaniken wie Creation/Redemption, autorisierte Teilnehmer und Arbitrage-Mechanismen, die den Spotpreis stabilisieren können, wenn die zugrundeliegende Liquidität vorhanden ist. Wenn diese Mechaniken jedoch auf dünnen Märkten angewendet werden, kann es zu Volatilitätsverschiebungen, erhöhten Spreads und kurzfristigen Dislocation-Effekten kommen.

Wesentliche Einflussfaktoren, die die Wirkung von ETFs auf die Preisbildung bestimmen, sind: die Breite und Tiefe des zugrundeliegenden Spot-Markts, die Anzahl der autorisierten Teilnehmer, die Existenz von physischen oder synthetischen Replikationsmethoden, regulatorische Auflagen für Verwahrung und Handel sowie die Interaktion mit anderen Finanzinstrumenten wie Futures-Kontrakten. Investoren achten genau darauf, ob ETF-Zuflüsse von realen, langfristigen Kapitalquellen getragen werden oder eher spekulative Umschichtungen darstellen.

Zusätzlich zu ETFs beobachten Marktteilnehmer, wie institutionelle Marktstrukturen Liquidität bereitstellen: Market Maker, Prime Brokers, Over-the-Counter (OTC)-Desks und Verwahrstellen. Wenn diese Institutionen bereit sind, Risiko für ein bestimmtes Asset zu tragen und passende Hedging-Instrumente anzubieten, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass ein Token in großvolumige, diversifizierte Portfolios aufgenommen wird.

Für Anleger und Portfoliomanager bleiben Kennzahlen wie Transaktionsvolumen, aktive Adressen, Entwickler-Engagement, Total Value Locked (TVL) in DeFi-Protokollen, durchschnittliche Gas-Gebühren, Cross-Border-Liquiditätslösungen und die Tiefe der Orderbücher auf zentralen Börsen zentrale Indikatoren. Diese Metriken geben Aufschluss darüber, welche Netzwerke dauerhafte Allocations verdienen.

Praktische Portfolio-Frameworks, die viele professionelle Anleger anwenden, sind Core-Satellite-Modelle, bei denen konstituierende Werte (Core) stabile, liquide Assets mit hoher Marktkapitalisierung sind, während der Satellite-Teil taktische Allokationen für Wachstum, Opportunitäten und Diversifikation enthält. Andere Ansätze nutzen Risiko-Paritätsmodelle, Korrelationsoverlays oder Szenarioanalysen, um die optimale Gewichtung und mögliche Drawdowns zu planen. Ein strukturierter Investment-Process hilft dabei, Hypes von substantiellen, nachhaltigen Trends zu unterscheiden.

Kurzfristig führen Ereignisse wie technische Upgrades, regulatorische Entscheidungen, bedeutende Partnerschaften oder die Einführung neuer Finanzprodukte (z. B. Spot-ETFs) zu starken Fluktuationen der Marktmeinung. Langfristig gewinnen Netzwerke an Gewicht, die robuste On-Chain-KPIs, ein aktives Entwickler-Ökosystem, klare Governance-Mechanismen und marktfreundliche Liquiditätsstrukturen vorweisen können.

Für den Moment führen Bitcoin und Ethereum die Liste an, Solana gilt weiterhin als wahrscheinlicher Drittplatzierter, und XRP arbeitet daran, seine Argumente für den vierten Platz in Portfolios digitaler Vermögenswerte zu untermauern. Letztlich wird die Marktstruktur — gemessen an Liquidität, On-Chain-Aktivität, institutioneller Infrastruktur und regulatorischer Klarheit — entscheiden, welche Netzwerke langfristig in den Kern von digitalen Asset-Portfolios aufgenommen werden.

Quelle: cointelegraph

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