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Das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) hat die erste dreidimensionale Karte einer Exoplanetenatmosphäre erstellt und dabei glühende Regionen offenbart, in denen Wassermoleküle durch extrem hohe Temperaturen auseinandergerissen werden. Forschende nutzten die spektrale Finsterniskartierung (spectroscopic eclipse mapping), um Temperatur- und Chemieunterschiede auf WASP-18b abzubilden, einem ultraheißen Jupiter, dessen Tagesseite Temperaturen von nahezu 5.000 °F erreicht. Die Beobachtungen liefern wichtige Erkenntnisse zur Hochtemperatur-Chemie, zur atmosphärischen Dynamik und zur Frage, wie Moleküle unter extremer Bestrahlung überleben — oder eben nicht.
Ein 3D‑Meilenstein: Kartierung eines ultraheißen Jupiters
WASP-18b dient als Prüfstein für neue Beobachtungsmethoden. Der Gasriese liegt in einer Entfernung von etwa 400 Lichtjahren von der Erde, besitzt ungefähr das Zehnfache der Masse des Jupiters und umrundet seinen Stern in nur 23 Stunden. Aufgrund der gebundenen Rotation zeigt eine Hemisphäre ständig zum Stern und erfährt permanente starke Einstrahlung, während die gegenüberliegende Hemisphäre nahezu ununterbrochen in Dunkelheit gehüllt ist. Diese extremen Temperaturkontraste machen WASP-18b zu einer starken Infrarotquelle für JWST und zu einem idealen Ziel, um atmosphärische Prozesse bei Temperaturen von bis zu rund 2.760 °C (~5.000 °F) zu untersuchen.
Unter Leitung von Teams der University of Maryland und der Cornell University erweitert die Studie (veröffentlicht in Nature Astronomy am 28. Oktober 2025) eine aus dem Jahr 2023 stammende zweidimensionale Helligkeitskarte zu einer vollständigen dreidimensionalen Rekonstruktion, die Breiten-, Längen- und Höheninformationen umfasst. Der entscheidende Fortschritt ist die Anwendung der spektralen Finsterniskartierung: Dabei werden winzige Veränderungen im Sternlicht gemessen, während der Planet auf mehreren Wellenlängen hinter seinem Stern verschwindet, und diese Signale werden in ein geschichtetes Temperatur‑und‑Chemie-Modell umgerechnet.
Wie Finsterniskartierung die Schichten freilegt
Die Methode nutzt die Tatsache, dass verschiedene Wellenlängen unterschiedliche atmosphärische Tiefen sondieren. Instrumente wie der Near-Infrared Imager and Slitless Spectrograph (NIRISS) an Bord von JWST können Spektren über ein breites Wellenlängenband aufnehmen, während der Planet partiell oder vollständig verdeckt ist. Wenn Abschnitte der Tagesseite nacheinander aus dem Blickfeld verschwinden, kodiert der subtile Abfall des Flusses bei jeder Wellenlänge die Helligkeitsverteilung jenes spezifischen atmosphärischen Tiefenabschnitts. Indem man diese Informationen über viele Wellenlängen und Finsternisphasen kombiniert, lässt sich ein Schichtmodell erzeugen, das Höhenunterschiede abbildet und so eine echte Volumenkarte erlaubt.
„Diese Technik ist im Grunde die einzige, die alle drei Dimensionen gleichzeitig sondieren kann: Breite, Länge und Höhe“, sagte Megan Weiner Mansfield, Co-Erstautorin und Assistenzprofessorin für Astronomie an der University of Maryland. „Das liefert uns ein Detailniveau, wie wir es zuvor für diese Himmelskörper noch nie hatten.“

Ryan Challener, Co-Erstautor der Arbeit an der Cornell University, fügte hinzu: „Finsterniskartierung erlaubt es uns, Exoplaneten abzubilden, die wir nicht direkt sehen können, weil ihre Muttersterne zu hell sind. Mit diesem Teleskop und dieser Technik können wir anfangen, Exoplaneten ähnlich detailliert zu untersuchen wie unsere Nachbarn im Sonnensystem.“
Ein Planet, auf dem Wasser nicht überlebt
Die 3D-Karte zeigt einen konzentrierten, kreisförmigen Hotspot auf der permanenten Tagehälfte des Planeten sowie einen kühleren Ring nahe der Terminatorzone, also der Grenze zwischen Tag und Nacht. Besonders auffällig ist: die Spektralschichten, die empfindlich auf Wasserdampf reagieren, weisen in diesem heißesten Bereich deutlich geringere Wasserabundanzen auf als in den umgebenden kühleren Zonen. Die Interpretation ist physikalisch einleuchtend: Bei Temperaturen im Bereich mehrerer tausend Grad Celsius dissoziieren Wassermoleküle thermisch in Wasserstoff und Sauerstoff — Wasser als nachweisbare Molekülart verschwindet dadurch weitgehend aus dem Spektrum.
„Wir haben dieses Phänomen bereits auf Populationsebene beobachtet — also dass kühlere Planeten Wasser zeigen und heißere Planeten kein Wasser aufweisen“, erklärte Weiner Mansfield. „Aber zum ersten Mal sehen wir dies räumlich innerhalb eines einzigen Planeten. Es ist eine Atmosphäre, aber wir sehen kältere Regionen, die Wasser enthalten, und heißere Regionen, in denen das Wasser aufgelöst wird. Das war theoretisch vorhergesagt worden, und es ist sehr spannend, dies nun mit realen Beobachtungen zu bestätigen.“
Wissenschaftlicher Kontext und verwendete Methoden
Ultraheiße Jupiters wie WASP-18b bewegen sich in einem physikalischen Regime, in dem molekulare Dissoziation, Ionisation und strahlungsbedingte Prozesse die atmosphärische Struktur maßgeblich prägen. Neben der Wasserdissoziation können bei extremen Temperaturen andere Moleküle wie Titandioxid (TiO) oder Vanadiumpentoxid (VO) sowie atomare Spezies zu dominanten Absorbern werden, was die Infrarot-Emissionsmuster stark verändert. Die neuen 3D-Karten kombinieren Finsternisdaten über viele Wellenlängen mit physikalischen Atmosphärenmodellen und Inversionsverfahren, um Temperaturen einzelnen Voxel im Gitter aus Breiten-, Längen- und Höhenangaben zuzuweisen und so eine volumetrische Sicht statt einer flachen Helligkeitskarte zu erzeugen.
Dieses Vorgehen ergänzt andere JWST-Methoden wie Transit-Spektroskopie (die die Zusammensetzung am Rand, dem Limb, sondiert) und Phasenkurven-Überwachung (die longitudinale Wärmeverteilung nachzeichnet). Indem die Höhe zusätzlich zu horizontalen Koordinaten aufgelöst wird, verbindet die spektrale Finsterniskartierung chemische Informationen mit dynamischen Prozessen: Dort, wo die Hitze am stärksten ist, zerfallen Moleküle; dort, wo es kühler bleibt, bleibt die Chemie erhalten. In Kombination mit Strömungsmodellen lassen sich so auch Aussagen über Windgeschwindigkeiten, vertikalen Mischungsgrad und Wärmetransport treffen, die für die Validierung globaler Zirkulationsmodelle (GCMs) von zentraler Bedeutung sind.
Was das für die Exoplanetenforschung bedeutet
- Machbarkeitsnachweis: Die Methode demonstriert die Fähigkeit von JWST, dreidimensionale atmosphärische Diagnostik zu liefern. Das öffnet Wege, viele bereits bekannte Hot Jupiters innerhalb der Sammlung von mehr als 6.000 bestätigten Exoplaneten in 3D zu untersuchen und systematisch zu vergleichen.
- Chemie und Zirkulation: Karten wie diese zeigen, wie stellare Einstrahlung, planetare Winde und vertikaler Transport Wärme und chemische Spezies über den Planeten verteilen. Solche Daten erlauben es, bestehende Zirkulations- und Chemie‑Modelle zu validieren oder gezielt zu erweitern.
- Vergleichende Planetenforschung: Mit einer größeren Stichprobe können Astronominnen und Astronomen den atmosphärischen Zerfall von Molekülen über ein Spektrum von Temperatur- und Gravitätsbedingungen vergleichen und dadurch Zusammenhänge zwischen Molekularüberleben und planetaren Parametern herstellen.
- Über Gasriesen hinaus: Forschende hoffen, die Methode auch für kleinere, möglicherweise felsige Welten anzupassen. Selbst für luftlose Körper könnte Finsterniskartierung Oberflächentemperaturkarten liefern und erste Hinweise auf Oberflächenmaterialien oder Unterschiede in Reflektivität und Emission geben.
Experteneinschätzung
Dr. Lena Ortiz, eine fiktive Astrophysikerin und Atmosphärenmodelliererin am Institute for Exoplanet Studies, kommentierte: „Das räumliche Auseinanderfallen von Wasser auf einem einzigen Planeten ist ein Meilenstein. Es bestätigt langjährige Vorhersagen aus der Hochtemperaturchemie und zeigt, dass JWST vertikale und horizontale Signale trennen kann, die zuvor miteinander vermischt waren. Der nächste Schritt ist, diese Karten auf eine vielfältige Stichprobe anzuwenden — dann können wir beginnen, die atmosphärische Evolution in Abhängigkeit von einfallender Strahlung und planetarer Masse systematisch zu kartieren.“
Zukünftige Perspektiven: schärfere Karten, kleinere Welten
Das Forschungsteam betont, dass zusätzliche JWST-Beobachtungen die Auflösung verfeinern und Unsicherheiten reduzieren werden; das ermöglicht eine dichtere Abtastung der Höhenlagen und präzisere chemische Retrievals. Mit zunehmender Teleskopzeit und verbesserten Mapping-Algorithmen erwarten Astronominnen und Astronomen, 3D-Atmosphärenatlanten für Dutzende bis Hunderte transiting Hot Jupiters zu erstellen. Anspruchsvollere Programme könnten die Technik langfristig in den Bereich sub-Neptunischer und terrestrischer Planeten vorstoßen lassen, wo Kartierungen eines Tages Oberflächenvariabilität, Wolkenmuster oder unter günstigen Bedingungen sogar indirekte Biosignaturen anzeigen könnten.
Vorerst bleibt WASP-18b eine eindrückliche Vorschau: eine Welt mit einer sengenden Tagesseite, die Wasser buchstäblich auseinanderreißt, und einem kühleren Randbereich, in dem Moleküle noch bestehen können. Dieser Unterschied, in drei Dimensionen kartiert, gibt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein neues und umfassenderes Werkzeug, um Wetter, Chemie und Dynamik von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems zu lesen — und um weitreichendere Fragen darüber zu stellen, wie Atmosphären unter Extrembedingungen reagieren, die wir auf der Erde nicht reproduzieren können.
Quelle: scitechdaily
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