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Vielleicht kennen Sie jemanden, der ständig die Schuld auf andere schiebt, bei einer Lüge grinsend erwischt wird oder ein Gespräch so verdreht, dass Sie sich am Ende für seine Fehler entschuldigen. Mit der Zeit fragen Sie sich vielleicht: Kann sich eine Person, die sich so verhält, jemals wirklich ändern? Dieser Artikel untersucht, was Psychologie und klinische Forschung über Narzissmus und narzisstische Persönlichkeitsstörung sagen, welche Therapie- und Behandlungsoptionen verfügbar sind, warum Psychotherapie oft schwierig ist und welche neuen Ansätze derzeit erforscht werden.
Verständnis von Narzissmus: Merkmale, Typen und wann er pathologisch wird
Narzissmus lässt sich als Kontinuum verstehen. Am einen Ende stehen Persönlichkeitsmerkmale wie starke Ich-Fokussierung, Anspruchsdenken und anziehender Charme. Am anderen Ende findet sich die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS, engl. NPD) — ein diagnostizierbares, stabil persistierendes Muster von Denken, Fühlen und Verhalten, das zu erheblichem Leid oder Beeinträchtigung führen kann.
Fachleute unterscheiden häufig zwischen zwei übergeordneten Erscheinungsformen: grandiosem (grandiosen) und vulnerablem Narzissmus. Menschen mit grandiosem Narzissmus treten meist selbstsicher, anspruchsvoll und überlegen auf und suchen Bewunderung. Vulnerable Narzissten sind empfindlich gegenüber Kritik und wirken defensiv, ängstlich oder verbittert. Beide Formen können manipulative Verhaltensweisen, passive Aggression und soziale Ausgrenzung beinhalten — Strategien, die dazu dienen, ein fragiles Selbstbild zu schützen.
Wenn narzisstische Züge so stark werden, dass sie als pathologisch gelten, können sie Beziehungen, berufliche Entwicklung und mitunter die persönliche Sicherheit beschädigen. Studien verbinden höheren Narzissmus mit vermehrten zwischenmenschlichen Konflikten und in manchen Fällen mit einem erhöhten Risiko für aggressives Verhalten oder Gewalt, insbesondere wenn sich Betroffene bedroht fühlen. Epidemiologische Daten zeigen zudem, dass Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen oder Substanzprobleme die Prognose beeinflussen können.
Therapieoptionen: Was wirkt und warum es kompliziert ist
Für ein lebenslanges Persönlichkeitsmuster gibt es keine einfache oder schnelle Heilung. Dennoch zeigen klinische Evidenz und Erfahrung von Therapeutinnen und Therapeuten, dass strukturierte psychotherapeutische Behandlung Symptome reduzieren und die Funktionalität verbessern kann. Ausgangspunkt sind meist gesprächsorientierte Verfahren — Interventionen, die Selbstwahrnehmung, kognitive Muster und interpersonelles Verhalten in den Mittelpunkt stellen.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT/CBT) wird häufig eingesetzt, um Klientinnen und Klienten zu helfen, verzerrte Gedankenmuster zu identifizieren und herauszufordern und anschließend alternative Verhaltensweisen einzuüben. Bei narzisstischen Patientinnen und Patienten kann CBT Anspruchsdenken, schwarz-weiß-Denken und automatische Abwehrstrategien adressieren. Allerdings bevorzugen viele Klinikerinnen und Kliniker längerfristige, auf Beziehungen gerichtete Methoden, die tiefer in Persönlichkeitsstruktur und frühkindliche Bindungsmuster hineinwirken — oft bezeichnet als psychodynamisch-relational oder mentalisierungsorientiert.

Warum Vertrauen bilden die echte therapeutische Herausforderung ist
Ein wiederkehrendes Hindernis ist, dass viele narzisstische Patientinnen und Patienten große Angst vor Verwundbarkeit haben. Sie beginnen eine Therapie möglicherweise, um einen vorteilhaften Eindruck zu hinterlassen, eine selbstsichere Fassade zu wahren oder um das Eingeständnis von Schwäche zu vermeiden. Das erschwert den Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung: Die Therapeutin oder der Therapeut muss konstant nicht wertend, reflektierend und geübt darin sein, Bitten um Lob oder feindseliges Verhalten zu navigieren und zugleich behutsam zur Selbstreflexion zu motivieren.
Aufgrund dieser Dynamiken sind Therapieabbrüche bei Menschen mit stark ausgeprägtem Narzissmus deutlich häufiger als im Durchschnitt. Während allgemeine Abbruchraten in der Psychotherapie grob zwischen 10 und 50 Prozent liegen, berichten Studien für narzisstische Klientinnen und Klienten von Raten um 63–64 Prozent. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung nicht primär wegen Narzissmus in Behandlung kommen — sie suchen Hilfe wegen äußerer Probleme wie Trennung, Arbeitsplatzverlust oder wegen sekundärer emotionaler Beschwerden, beispielsweise Depression nach wahrgenommener Zurückweisung.
Diese Faktoren machen therapeutische Kontinuität schwer. Vertrauen aufzubauen verlangt Geduld, konsequente Haltung und eine klare professionelle Struktur: transparente Ziele, verlässliche Grenzen und eine Bereitschaft, auftretende Spannungen als material für therapeutische Arbeit zu nutzen. Klinische Leitlinien betonen deshalb Supervision und spezifische Weiterbildung für Behandlerinnen und Behandler, die mit Persönlichkeitsstörungen arbeiten.
Übernommene Lektionen: Therapieanpassungen aus anderen Persönlichkeitsstörungen
Innovationen in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen stammen oft aus der Arbeit mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS/BPD), für die langjährige Therapieformen stärker evidenzbasiert sind. Mehrere BPD-Module wurden für narzisstische Präsentationen adaptiert, darunter:
- Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) — vermittelt Fertigkeiten zur Emotionsregulation und Stresstoleranz und fördert zugleich Akzeptanz.
- Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) — unterstützt Menschen darin, eigene und fremde mentale Zustände besser zu verstehen und zu erkennen, wie diese Zustände Verhalten steuern.
- Schematherapie — greift tief verankerte kognitive/emotionale Muster (Schemata) an, etwa den zentralen Glauben, dass Bedürfnisse niemals erfüllt werden.
Diese Ansätze können vielversprechend sein, doch die Evidenz speziell für die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist bislang begrenzt. Gemeinsame Herausforderungen bleiben lange Behandlungsdauer, die Notwendigkeit einer tragfähigen therapeutischen Allianz und die klinische Kompetenz, klare Grenzen zu setzen, während gleichzeitig empathisch exploriert wird.
Praktisch bedeutet das: Ein integrativer Behandlungsplan, der Elemente aus kognitiver Therapie, mentalisierungsfördernden Interventionen und schematherapeutischen Techniken verbindet, kann individuell angepasst werden. Gute Praxis umfasst regelmäßige Evaluationen, klare Zielvereinbarungen und Einbezug von Angehörigen, wenn dies zum Sicherheitsmanagement und zur Stabilisierung beiträgt.
Experimentelle Richtungen: MDMA-unterstützte Therapie und das ethische Umfeld
In den letzten Jahren haben einige Forscherinnen und Forscher radikalere Ergänzungen zur Psychotherapie vorgeschlagen, um Abwehrhaltungen und emotionale Verschlossenheit zu überwinden. Im April 2025 schlugen die Psychiatrieforscher Alexa Albert und Anthony Back vor, dass psychedel-unterstützte Therapien, insbesondere MDMA-unterstützte Psychotherapie, ein "Fenster" öffnen könnten, in dem narzisstische Klientinnen und Klienten empfänglicher für zwischenmenschliche Arbeit werden. MDMA ist dafür bekannt, bei manchen Personen vorübergehend Nähe-, Einfühlungs- und Vertrauensgefühle zu steigern — Qualitäten, die theoretisch Abwehrmechanismen senken und tiefere psychologische Verarbeitung ermöglichen könnten.
Für die Anwendung bei NPS bleibt diese Idee jedoch spekulativ. MDMA-unterstützte Therapie hat in der Behandlung von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) vielversprechende Ergebnisse gezeigt, trägt aber Risiken: Verschlechterungen der psychischen Gesundheit in Einzelfällen, unvorhersehbare psychische Reaktionen sowie die entscheidende Voraussetzung einer bereits etablierten therapeutischen Allianz. Rechtliche Hürden sind ebenfalls erheblich: In Ländern wie dem Vereinigten Königreich ist MDMA im Schedule 1 der Misuse of Drugs-Vorschriften klassifiziert, was klinische Forschung und Verschreibung stark einschränkt. Forderungen nach Umklassifizierung für Forschungszwecke haben bislang nur schrittweise Änderungen hervorgerufen.
Angesichts rechtlicher, ethischer und sicherheitsbezogener Barrieren verlassen sich die meisten Klinikerinnen und Kliniker derzeit auf traditionelle therapeutische Fertigkeiten statt auf pharmakologische Abkürzungen. Eine mögliche künftige Implementierung psychedelischer Begleittherapien würde rigide randomisierte kontrollierte Studien, sorgfältige ethische Aufsicht, umfassendes Screening und Nachsorge sowie klare Protokolle zur Risikominimierung erfordern. Zudem wäre prüfenswert, welche Subgruppe von narzisstischen Patientinnen und Patienten — etwa jene mit hoher Vulnerabilität vs. primär grandioser Präsentation — potenziell profitieren könnte.
Praktische Implikationen für Betroffene und Partnerinnen/Partner
Was bedeutet das konkret für Menschen, die von narzisstischem Verhalten betroffen sind? Zunächst: Veränderung ist möglich, aber in der Regel langsam und arbeitssam. Erfolgreiche Behandlung erfordert kontinuierliche, langfristig angelegte Therapie und eine Therapeutin oder einen Therapeuten mit Erfahrung in Persönlichkeitsstörungen. Für Angehörige ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen, Sicherheitspläne zu entwickeln und Unterstützung in Anspruch zu nehmen: Partnerinnen, Partner und Familien tragen oft die zwischenmenschlichen Folgeschäden und profitieren häufig von eigener Psychotherapie, Paartherapie oder Selbsthilfegruppen, um Traumata oder chronische emotionale Belastung zu verarbeiten.
Klinikerinnen und Kliniker betonen außerdem, dass viele Menschen mit narzisstischen Zügen nicht in Phasen grandioser Projektion in Therapie kommen, sondern in Zeiten emotionaler Erschütterung oder Niedergeschlagenheit. Diese Vulnerabilität kann eine Chance für Veränderung bieten — jedoch nur, wenn die Therapeutin oder der Therapeut wechselnde Präsentationen erkennt, den Behandlungsplan anpasst und bei Wiederauftreten grandioser Abwehrhaltungen Halt und Containment bietet.
Für Angehörige sind praktische Strategien zentral: konsequente Grenzen, dokumentierte Vorfälle bei Gewalt oder Missbrauch, rechtliche Beratung bei Bedarf und eigene therapeutische Unterstützung. Psychoedukation über Narzissmus, Muster von Manipulation (z. B. Gaslighting), und Belastungsreaktionen hilft, realistische Erwartungen zu entwickeln und langfristige Erschöpfung zu vermeiden.
Experteneinsicht
Dr. Elena Morris, klinische Psychologin und Dozentin in Persönlichkeitspsychiatrie, reflektiert die klinische Realität: "Therapie mit narzisstischen Patientinnen und Patienten verläuft selten linear. In einem Bereich sehen Sie Fortschritte — bessere Emotionsregulation, gesteigerte Perspektivenübernahme — während andere Abwehrmechanismen bestehen bleiben. Entscheidend sind Beständigkeit und eine Allianz, die sowohl Stärken als auch Scham aushält. Therapeutinnen und Therapeuten müssen auf Rückschläge und plötzliche Beziehungsrupturen vorbereitet sein, und Angehörige brauchen realistische Erwartungen bezüglich Tempo und Grenzen von Veränderung."
Diese ausgewogene Perspektive fasst den pragmatischen Optimismus zusammen, der sich in der Forschung und Klinik abzeichnet: Veränderung ist nicht garantiert, aber mit sorgfältiger, fachlich versierter Intervention erreichbar. Für die Praxis heißt das konkret: sorgfältige Diagnostik, individualisierte Therapiepläne, kontinuierliche Rückversicherung durch Supervision und gegebenenfalls Einbezug multimodaler Unterstützung (z. B. sozialrechtliche Beratung, Suchtbehandlung, Paartherapie).
Derzeit verlassen sich Fachleute auf evidenzbasierte Gesprächstherapien, adaptierte Modalitäten aus der Behandlung anderer Persönlichkeitsstörungen und klinisches Urteilsvermögen. Experimentelle Ideen wie MDMA-unterstützte Therapie sind zwar interessant, bleiben aber für Narzissmus spekulativ, bis weitere kontrollierte Studien, ethische Rahmenbedingungen und rechtliche Anpassungen vorliegen. Wenn Sie in einer Beziehung mit narzisstischem Verhalten betroffen sind — entweder als Person, die selbst Hilfe sucht, oder als Angehörige oder Angehöriger — suchen Sie eine Therapeutin oder einen Therapeuten mit Erfahrung in Persönlichkeitsstörungen, priorisieren Sie Sicherheit und klare Grenzen, und behalten Sie im Blick, dass Transformation meist graduell und mühsam verläuft.
Quelle: sciencealert
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