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Untersuchung stellt verbreitete Überzeugungen über Videospiele und kognitive Entwicklung auf den Prüfstand
Der Umgang von Kindern mit digitalen Medien prägt das heutige Aufwachsen entscheidend und führt häufig zu Diskussionen über dessen Einflüsse auf Intelligenz und geistige Entwicklung. Im Gegensatz zu der verbreiteten Sorge, Videospiele könnten der schulischen oder intellektuellen Entwicklung abträglich sein, liefert eine einflussreiche Studie aus dem Jahr 2022 überzeugende Hinweise, dass Videospielen sogar positive Auswirkungen auf die Intelligenz von Kindern haben kann.
Bewertung von Bildschirmzeit: Zentrale Erkenntnisse der ABCD-Studie
Ein internationales Forscherteam aus den Niederlanden, Deutschland und Schweden nutzte umfangreiche Daten aus der US-amerikanischen „Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD) Study“, an der fast 10.000 Kinder im Alter von neun oder zehn Jahren teilnahmen. Den Ergebnissen zufolge verbrachten die Kinder täglich durchschnittlich 2,5 Stunden mit dem Ansehen von Fernseher oder Online-Videos, eine Stunde mit Videospielen und eine halbe Stunde mit Online-Kommunikation.
Im Verlauf von zwei Jahren wurden mehr als 5.000 der ursprünglichen Teilnehmenden erneut getestet, um Veränderungen der Intelligenz zu messen. Die Resultate stachen heraus: Kinder, die häufiger als der Durchschnitt Videospiele spielten, zeigten eine Steigerung des IQ um 2,5 Punkte – ein Zuwachs, der über die in diesem Alter üblichen kognitiven Fortschritte hinausgeht.

Intelligenzmessung und Kontrolle von Einflussfaktoren
Dieser IQ-Anstieg wurde mithilfe standardisierter Aufgaben ermittelt, die Lesekompetenz, visuell-räumliches Denken, Gedächtnis, Flexibilität im Denken sowie Selbstkontrolle abdeckten. Damit wurde eine umfassende Intelligenzbewertung ermöglicht. Besonders hervorzuheben ist die strenge Kontrolle genetischer und sozioökonomischer Faktoren, wodurch externe Einflüsse, die frühere Studien verzerrt haben, minimiert wurden.
Bemerkenswert ist zudem, dass den Analysen zufolge weder der Fernsehkonsum noch die Nutzung sozialer Medien einen signifikanten Einfluss, weder im Positiven noch im Negativen, auf die kognitiven Fähigkeiten der Kinder hatten. Damit differenziert die Studie deutlich zwischen den Auswirkungen verschiedener Formen digitaler Medien auf das kindliche Gehirn.
Fachliche Einschätzungen und zukünftige Bedeutung
„Digitale Medien gestalten die heutige Kinderwelt entscheidend, doch ihre Wirkung auf kognitive Entwicklung bleibt umstritten“, so das Forschungsteam im veröffentlichten Bericht. Sie ergänzten weiter: „Die Einbindung genetischer Daten in künftige Analysen könnte helfen, die ursächlichen Zusammenhänge und die Rolle der Vererbung besser zu klären.“
Neuroforscher Torkel Klingberg vom Karolinska-Institut in Schweden, Mitautor der Studie, unterstrich die Tragweite der Ergebnisse: „Unsere Resultate deuten darauf hin, dass Bildschirmzeit im Allgemeinen kognitive Leistungen von Kindern nicht beeinträchtigt – und dass das Spielen von Videospielen einen leichten Zuwachs der Intelligenz bewirken kann.“
Frühere Untersuchungen zum Einfluss digitaler Medien lieferten oft widersprüchliche Befunde, meist aufgrund kleiner Teilnehmerzahlen oder unzureichender Berücksichtigung genetischer und sozialer Faktoren – Probleme, die durch die Gründlichkeit dieser Studie weitgehend gelöst wurden. Die Autoren betonen jedoch, dass weitere Forschung notwendig ist, um auch andere Aspekte wie körperliche Gesundheit, Wohlbefinden oder schulische Leistungen zu beleuchten.

Weitere Bedeutung und nächste Schritte
Die Untersuchung konzentrierte sich zwar auf eine nordamerikanische Teilnehmergruppe und unterschied nicht zwischen Spielgenres, liefert aber deutliche Hinweise darauf, dass Intelligenz veränderbar ist und nicht feststeht. Die Forscher planen, künftig auch andere Umweltfaktoren zu untersuchen sowie die Zusammenhänge zwischen kognitiven Zuwächsen und neuronaler Entwicklung während der Kindheit weiter zu analysieren.
„Wir haben bisher keine Aussagen zu Auswirkungen von Bildschirmverhalten auf körperliche Aktivität, Schlaf, Wohlbefinden oder schulische Leistungen gemacht. Daher muss bei der Verallgemeinerung dieser Resultate noch Vorsicht geboten sein“, erklärte Klingberg. Laufende Studien sollen diese offenen Fragen klären und ein umfassenderes Bild zur Rolle digitaler Umgebungen in der Entwicklung zeichnen.
Fazit
Die aktuellen Hinweise deuten darauf hin, dass Videospiele die intellektuellen Fähigkeiten von Kindern moderat fördern können und somit gängige Bedenken gegenüber digitalem Medienkonsum herausfordern. Durch strenge Kontrolle genetischer und sozialer Einflüsse zeigt diese wegweisende Studie: Nicht jede Form von Bildschirmzeit ist schädlich – im Gegenteil, gerade das interaktive Spielen kann der kognitiven Entwicklung Vorteile bringen. Während die Digitalisierung weiter in den Alltag Einzug hält, bleibt es unerlässlich, durch fortlaufende Forschung fundierte Empfehlungen zu finden, die einen Ausgleich zwischen möglichen kognitiven Gewinnen und der Gesamtgesundheit der Kinder gewährleisten. Die Ergebnisse sind ein Plädoyer für differenzierte Debatten und wissenschaftlich fundierte Richtlinien rund um Bildschirmzeit im Zeitalter der Digitalisierung.
Quelle: nature
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