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Die Grenzen des Lebens neu definiert: Kosmische Strahlung als Energielieferant
Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass starke kosmische Strahlung lebensfeindliche Bedingungen schafft, indem sie für Organismen unverzichtbare Moleküle zerstört. Unsere Erde, mit ihrem schützenden Magnetfeld und der dichten Atmosphäre, bietet einen sicheren Hafen, in dem Leben gedeihen kann, ohne ständig von hochenergetischer Weltraumstrahlung bedroht zu sein. Doch eine revolutionäre Studie legt nun nahe, dass gerade kosmische Strahlen – diese rasenden atomaren Partikelströme aus fernen Sternen – das Potenzial haben, Leben sogar an den unwirtlichsten Orten unseres Sonnensystems und darüber hinaus möglich zu machen.
Wie Strahlung und Leben zusammenhängen
Ionisierende Strahlung, zu der kosmische Strahlen, ultraviolettes Licht, Röntgen- und Gammastrahlen gehören, besitzt genug Energie, um Bindungen in organischen Molekülen zu spalten. Auf der Erde kann eine Überexposition zu Zellschäden und Krankheiten wie Krebs führen. Traditionell schlossen Astrobiologen daher Himmelskörper ohne schützende Atmosphäre oder magnetisches Feld von der Liste potenziell bewohnbarer Welten aus.
Jüngste Computersimulationen deuten jedoch darauf hin, dass ionisierende Strahlung unter bestimmten Umständen nicht das Leben vernichtet, sondern es sogar antreiben könnte. Treffen hochenergetische Partikel auf unterirdische Wasser- oder Eisspeicher, lösen sie die sogenannte Radiolyse aus. Bei dieser chemischen Reaktion werden Wassermoleküle aufgespalten, es entstehen freie Elektronen und Energie – eine potenzielle Lebensgrundlage für Mikroorganismen selbst dort, wo Sonnenlicht und Wärme fehlen.
Die Suche nach Leben im All neu gedacht
Wissenschaftler haben untersucht, wie die Radiolyse auf verschiedenen Himmelskörpern ablaufen könnte. Besonders fiel der Blick auf den Saturnmond Enceladus, der durch seinen unterirdischen Ozean und die ständige Einwirkung kosmischer Strahlen als einer der aussichtsreichsten Kandidaten zur Unterstützung fremden Lebens gilt. Auch der Mars sowie Jupiters Mond Europa wurden als Umgebungen identifiziert, in denen Mikroben Radiolyse als Energiequelle nutzen könnten.
Diese Erkenntnisse deuten auf einen bemerkenswerten Wandel in der astrobiologischen Forschung hin. Studienautor Dr. Dimitra Atri von der NYU Abu Dhabi betont: "Diese Entdeckung verändert unser Verständnis davon, wo Leben existieren könnte. Wir müssen uns nicht mehr auf warme, sonnenbeschienene Planeten beschränken, sondern können auch kalte, dunkle Orte in Betracht ziehen – vorausgesetzt, es gibt dort Wasser unter der Oberfläche und Zugang zu kosmischer Strahlung."

Neue Chancen für Astrobiologie und Weltraumforschung
Indem sie aufzeigen, wie kosmische Strahlung sogar Leben fördern könnte, öffnen die neuen Erkenntnisse ganz neue Möglichkeiten für zukünftige Missionen zu eisigen Monden und unterirdischen Lebensräumen. Technologien, die darauf ausgerichtet sind, chemische Produkte der Radiolyse nachzuweisen oder nach unterirdischen Mikrobenkolonien zu suchen, könnten schon bald zum Standard bei Missionen zu Enceladus, Europa oder auch dem Mars gehören. Das Verständnis dieser Prozesse bereichert zudem die wissenschaftlichen Modelle über das mögliche Vorkommen und die Verbreitung von Leben in unserer Galaxie.
Fazit
Kosmische Strahlen sind möglicherweise weit mehr als nur tödliche Gefahren. Sie könnten vielmehr die verborgenen Nischen in Eiseskälte und Dunkelheit erschließen, wo außerirdische Lebensformen existieren könnten. Dieser Perspektivwechsel erweitert das Konzept der Bewohnbarkeit deutlich über sonnenbestrahlte Planeten hinaus und fordert die Wissenschaft heraus, auch die kalten, dunklen Winkel des Universums systematisch zu erforschen. Mit technischem Fortschritt wird die Suche nach Spuren, die auf außerirdisches Leben hindeuten, weiter vorangetrieben – vielleicht bringen sie den Beweis, dass wir im Kosmos nicht allein sind.
Quelle: cambridge
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