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Wissenschaftlicher Hintergrund und Studienüberblick
Ultra-verarbeitete Nahrungsmittel (UPFs), industrielle Produkte mit häufig zugesetzten Hilfsstoffen, Emulgatoren oder selten in Haushaltsküchen verwendeten Zutaten, stehen in der Epidemiologie schon länger in Verbindung mit negativen Gesundheitseffekten. Nun liefert eine neue randomisierte Crossover-Studie aus Großbritannien und den USA experimentelle Hinweise darauf, dass eine Ernährung mit überwiegend minimal verarbeiteten Lebensmitteln (MPFs) zu stärkerem Gewichts- und Körperfettverlust führt als eine gleichwertige Kost mit ultra-verarbeiteten Nahrungsmitteln, selbst wenn Makronährstoffe und Ballaststoffe übereinstimmen.
In die Untersuchung wurden 50 übergewichtige Erwachsene aufgenommen, die in zwei achtwöchigen Diätphasen – getrennt durch eine vierwöchige Pause – verschiedene Ernährungsweisen befolgten. Beide Kostformen waren hinsichtlich Kalorien, Fett (einschließlich gesättigter Fette), Kohlenhydraten, Ballaststoffen, Salz sowie Obst- und Gemüseanteil exakt angepasst. Der entscheidende Unterschied lag in der Verarbeitungsstufe: Die eine Phase basierte auf vorgefertigten UPF-Produkten (z.B. abgepackte Müsliriegel oder Fertiglasagne), während die andere auf wenig verarbeiteten Speisen (wie Over-Night-Oats oder selbstgemachter Spaghetti Bolognese) beruhte. Durch das Crossover-Design konnten individuelle Schwankungen minimiert und die Auswirkungen der Verarbeitung auf Gewicht und Stoffwechsel präziser erfasst werden.
Studiendesign und Schlüsselergebnisse
Details zum Versuchsablauf
Alle Teilnehmenden absolvierten beide Ernährungsphasen in zufälliger Reihenfolge. Gemessen wurden Körpergewicht, Körperzusammensetzung (inklusive Schätzungen des schädlichen viszeralen Fetts), Blutdruck sowie subjektive Angaben wie Heißhungergefühle. Die kontrollierte Gleichsetzung von Nährstoffen und Lebensmitteln ermöglichte es, gezielt die Rolle der Verarbeitung unabhängig vom Makronährstoffprofil zu untersuchen – ein bedeutender methodischer Fortschritt in der Ernährungs- und Stoffwechselforschung.
Zentrale Ergebnisse
Beide Diäten führten kurzfristig zu moderatem Gewichtsverlust, wobei die minimal verarbeitete Kost durchschnittlich zu doppelt so starkem Gewichtsverlust führte wie die ultra-verarbeitete Vergleichsdiät. Im Mittel sank das Gewicht in der MPF-Phase um rund 2 %, während in der UPF-Phase etwa 1 % Gewichtsverlust erzielt wurde – jeweils über acht Wochen. Darüber hinaus verringerte sich unter MPF-ernährung ungünstiges Körperfett stärker, und die Probanden berichteten über bessere Kontrolle von Heißhungerattacken. Laut Forschenden geschah dies ohne bewusste Kalorienrestriktion, was darauf hinweist, dass der Grad der Verarbeitung einen Einfluss auf das spontane Essverhalten und die Appetitregulation hatte.
Das Forscherteam nutzte die achtwöchigen Ergebnisse, um potenzielle Langzeiteffekte zu veranschaulichen: Hochgerechnet könnten Männer nach einem Jahr mit MPF-Ernährung etwa 13 % Gewichtsverlust erreichen, Frauen etwa 9 %, während mit UPF-Diät nur 4–5 % Gewichtsabnahme zu erwarten wären. Diese Werte sind jedoch nur als orientierende Beispiele zu betrachten, da der Studienzeitraum begrenzt war.

Auswirkungen, Einschränkungen und Ausblick
Die Studie liefert weitere Evidenz dafür, dass die Verarbeitung von Lebensmitteln – unabhängig von Kalorien-, Fett- oder Zuckergehalt – einen maßgeblichen Einfluss auf Energiebilanz, Körperzusammensetzung und Sättigungswahrnehmung ausübt. Wie der Wissenschaftler Samuel Dicken (University College London) betont, schließt die Arbeit wichtige Wissenslücken in Bezug auf den Zusammenhang von Verarbeitungsstufen, aktuellen Ernährungsempfehlungen und Gesundheit. Der globale Gesundheitsforscher Chris van Tulleken hebt hervor, dass das moderne Lebensmittelsystem mit seinem Überangebot günstiger, hochverarbeiteter Produkte eine Hauptursache für Ernährungsprobleme und Übergewicht darstellt.
Zu den Limits der Studie zählen die relativ geringe Teilnehmerzahl, die kurze Dauer der Diätphasen sowie der Ausschluss von Menschen mit bestimmten Ernährungseinschränkungen. Künftige Untersuchungen sollten längerfristige Effekte in verschiedenen Bevölkerungsgruppen analysieren und biologische Mechanismen wie Einflüsse auf Sättigungshormone, Darmmikrobiom oder Essenszeiten erforschen. Auch für die Entwicklung von Ernährungstechnologien und politische Maßnahmen zur Lebensmittelversorgung ergeben sich Ansätze: Nährstoffbewertungsalgorithmen, Überprüfungen von Verarbeitungsstufen und individuell zugeschnittene Ernährungstools könnten künftig Verarbeitungskriterien zusätzlich zu klassischen Nährwerten berücksichtigen.
Relevanz für Raumfahrt und extreme Einsatzorte
Die Resultate sind zudem für die Raumfahrternährung und Langzeitmissionen bedeutsam, bei denen eine geringe Vielfalt und der hohe Anteil haltbar gemachter verarbeiteter Kost Einfluss auf Hungergefühl und Körperzusammensetzung haben könnten. Die Integration von möglichst wenig verarbeiteten, nährstoffreichen Komponenten und die Erforschung, wie Mikrogravitation Appetit und Stoffwechsel beeinflusst, bleiben zentrale Aufgaben für Luft- und Raumfahrtmedizin und Konzepte lebensunterstützender Systeme.
Fazit
Die randomisierte Crossover-Studie legt nahe, dass eine Reduktion industrieller Verarbeitung in der täglichen Ernährung kurzfristig den Gewichtsverlust steigern, gesundheitsschädliches Körperfett verringern und Heißhungerattacken mindern kann – selbst bei identischem Nährstoffprofil. Obwohl weitere Langzeit- und Mechanismusstudien erforderlich sind, unterstreichen die Ergebnisse, dass der Verarbeitungsgrad ein eigenständiger Faktor für Adipositasprävention und Ernährungspolitik ist – mit Bedeutung für die Allgemeinbevölkerung ebenso wie für Spezialbereiche wie die Raumfahrternährung.
Quelle: nature
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