Entstehung und Gefahren von Monsterwellen: Neue Erkenntnisse aus 18 Jahren Nordsee-Daten

Entstehung und Gefahren von Monsterwellen: Neue Erkenntnisse aus 18 Jahren Nordsee-Daten

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Monsterwellen – einzelne, außergewöhnliche Wellen, die Höhen von über 20 Metern erreichen können – faszinieren seit jeher Seefahrer und Wissenschaftler. Was früher als Seemannsgarn galt, ist heute als reales Naturphänomen anerkannt, das erhebliche Risiken für Schiffe und Offshore-Anlagen birgt. Eine innovative Auswertung von 18 Jahren kontinuierlicher Hochfrequenzmessungen an der Ekofisk-Ölplattform in der zentralen Nordsee liefert nun neue Einblicke in die Entstehung dieser gigantischen Wellen.

Veröffentlicht wurde die Studie im Fachjournal Nature Scientific Reports; sie versammelt ein internationales Team aus Ozeanographen, Statistikern und Datenwissenschaftlern. Basis ist das bislang umfangreichste, vor Ort erfasste Datenset: Fast 27.500 halbstündige Aufzeichnungen der Seegangsbedingungen zwischen 2003 und 2020 zeigen, dass Monsterwellen keine rätselhaften Ausnahmen, sondern Ergebnisse klar definierter physikalischer Prozesse sind.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Von Alltagswellen zu Extremereignissen

Bei normalen Bedingungen überträgt der Wind Energie an die Wasseroberfläche, wodurch ein breites Spektrum von Wellen entsteht, die sich im Zusammenspiel über Raum und Zeit entwickeln. Auf weiten Strecken können aus kleinen Kräuselungen große Wellen erwachsen. Zu den Erklärungsansätzen für das Entstehen extremer, lokal begrenzter Wellen zählen zwei konkurrierende Theorien:

  • Modulationsinstabilität: Dieser nichtlineare Mechanismus wurde häufig in schmalen, nahezu eindimensionalen Wasserkanälen beobachtet. In Laborexperimenten kann so die Energie konzentriert und eine einzelne große Welle erzeugt werden.
  • Konstruktive Interferenz und Quasi-Determinismus: Das von Paolo Boccotti entwickelte, statistische Erklärungsmodell interpretiert Extremwellen als das Resultat vieler linearer und schwach nichtlinearer Wellen, die sich zufällig phasengleich überlagern und dadurch ein kurzlebiges, aber vorhersehbares Wellenmuster erzeugen.

Da sich in offenen Gewässern wie der Nordsee die Wellen aus unterschiedlichen Richtungen nähern, sind sie nicht an eine Bewegungsachse gebunden. So konnte das Ekofisk-Datenset erstmals umfassend überprüfen, welches der theoretischen Modelle den realen, unter verschiedensten Seegangsbedingungen – einschließlich schwerer Sturmereignisse wie dem Andrea-Sturm 2007 – tatsächlich entspricht.

Methodik: 18 Jahre Messtechnik auf Ekofisk

Das Fundament der Analyse sind hochfrequente Messdaten eines Laseraltimeters auf der Ekofisk-Plattform. Alle 30 Minuten wurden halbstündige Aufzeichnungen gesammelt – in Summe fast 27.500 unterschiedliche Seegangssegmente. Die Zeitreihen dokumentieren die momentane Meereshöhe relativ zum mittleren Wasserspiegel und erfassen sowohl ruhige als auch stürmische Bedingungen.

Zur Auswertung kamen unter anderem Techniken der statistischen Signalverarbeitung, Mustererkennung sowie KI-Modelle zum Einsatz, um Theorie und Beobachtung zu vergleichen. Besonders erwähnenswert: Am 24. November 2023 dokumentierte eine Plattformkamera während eines Nordseesturms live eine etwa 17 Meter hohe Welle. Dieses Ereignis ermöglichte es, den Ansatz des Quasi-Determinismus sowie KI-gestützte Musteranalyse konkret anzuwenden und die Entstehung der Monsterwelle nachzuverfolgen.

Zentrale Erkenntnisse: Konstruktive Überlagerung als treibender Faktor

Umfassende statistische Prüfungen zeigen, dass die Modulationsinstabilität – wenn auch relevant in engen Laborkanälen – für die Entstehung von Monsterwellen unter realen offenen Seebedingungen wie an Ekofisk kaum zutrifft. Entscheidend ist vielmehr die konstruktive Überlagerung im Rahmen des Quasi-Determinismus:

Konstruktive Überlagerung entsteht, wenn sich mehrere Wellenkomponenten für einen kurzen Moment in Phase befinden, sodass sich deren Wellenkämme addieren und eine besonders hohe Welle erzeugen. Zwei Faktoren begünstigen diese Verstärkung im Meer:

  • Wellenasymmetrie: Während Wellenkämme oft spitz und steil ausgeprägt sind, sind Wellentalsohle meist flacher. Diese Asymmetrie sorgt dafür, dass konstruktive Überlagerungen besonders schmale und hohe Kämme erzeugen.
  • Gruppenbildung: Ozeanwellen treten in dynamischen Gruppen auf. Wenn sich ein günstiges Wellenpaket formt, können sich mehrere kleinere Wellenkämme zu einem außergewöhnlichen Großkamm summieren, der mehrere Sekunden anhält.

Die Studie belegt, dass Monsterwellen aus gewöhnlichen Wellenfeldern heraus entstehen, wenn sich mehrere kleinere Wellen optimal überlagern. Diese Extreme zeigen ein wiedererkennbares, quasi-deterministisches räumlich-zeitliches Muster – treten aber nur selten und zufällig auf, weil die notwendige Phasenausrichtung selten ist.

Warum wachsen Monsterwellen nicht unbegrenzt?

In idealisierten Modellen mit minimaler Energieabschwächung könnten konstruktive Überlagerungen theoretisch extrem hohe Amplituden erzeugen – doch mit verschwindend geringer Eintrittswahrscheinlichkeit. Die reale Ozeandynamik setzt Grenzen: Wächst ein Wellenkamm zu stark, bricht er letztlich, wodurch Energie verloren geht und ein unbegrenztes Wachstum verhindert wird. Das Brechen der Wellen fungiert sozusagen als natürliche Begrenzung und ist ausschlaggebend für die Verteilung extremer Wellenhöhen im Feld.

Quasi-Determinismus am konkreten Beispiel

Die Forscher übertrugen Boccottis quasi-deterministische Theorie auf die Ekofisk-Messungen, um die charakteristischen Fingerabdrücke extremer Wellengruppen zu identifizieren. Durch die Analyse der der Extremwelle vorausgehenden Gruppen ließ sich rekonstruieren, wie sich der aufsehenerregende Großkamm durch konstruktive Überlagerung gebildet hatte. Beim Sturm vom 24. November 2023 zeigten KI-Mustererkennung und Quasi-Determinismus, dass der 17-Meter-Kamm durch das wiederholte Aufstapeln mehrerer kleinerer Wellenkomponenten entstand – und nicht durch nichtlinearen Fokus in engem Kanal wie im Labor.

Daraus ergibt sich: In offenen Meeren, wo viele Wellenrichtungen aufeinandertreffen, sind Monsterwellen zumeist das zufällige Ergebnis extrem ungünstiger Statistikkonstellationen – „ein sehr schlechter Tag auf See“, aber kein grundsätzlich anderes, exotisches Phänomen.

Folgen für Technik, Vorhersage und Sicherheit

Das Verständnis, dass konstruktive Interferenz und Quasi-Determinismus Monsterwellen in offenen Meeren antreiben, hat praktische Auswirkungen:

  • Schiffs- und Plattformbau: Ingenieure können probabilistische Modelle nutzen, die typische Wellenmuster einbeziehen, um Extremlasten realitätsnäher abzuschätzen. Die Kenntnis charakteristischer räumlich-zeitlicher Signaturen ermöglicht es, die Stabilität von Konstruktionen gezielter abzusichern.
  • Vorhersage und Risikomanagement: Messsysteme und numerische Modelle könnten die Erkennung von Wellengruppen und Mustern integrieren, um kurzfristig erhöhte Risiken für Offshore-Einsätze und Schifffahrtsrouten frühzeitig zu identifizieren.
  • Sensorik und Überwachung: Hochfrequente Sensoren und Kameras an sensiblen Stellen können den Vorlauf von Gruppenmustern analysieren und die Warnung vor seltenen Extremkämmen verbessern.

Expertensicht und Zitat

Die Hauptautoren merken an, dass sich die Sichtweise auf Monsterwellen damit von der mythischen Ausnahme zum emergenten Verhalten gewöhnlicher Meere verschiebt. Eine Forscherin fasst zusammen: „Monsterwellen im offenen Meer sind keine unerklärlichen Ausreißer, sondern das zu erwartende Ergebnis, wenn sich viele gewöhnliche Wellen kurzzeitig synchronisieren. Es ist ein statistischer Prozess mit erkennbarer, räumlich-zeitlicher Signatur.“

Zukunftstechnologien und Ausblick

Zukünftige Forschungsvorhaben wollen noch längere Messreihen, Stereobildgebung und KI-basierte Analysemodelle kombinieren, um Frühwarnsysteme zu verfeinern. Der weitere Ausbau richtungssensitiver Bojen, LIDAR-Altimetrie auf Plattformen und satellitengestützter Wellenspektralprodukte wird die Überwachung von Wellengruppen auf größere Seegebiete ausdehnen. Zudem sollen verbesserte Beschreibungen des Wellenbrechens und der Energieverluste numerische Vorhersagemodelle für Monsterwellen weiter optimieren.

Fazit

Die 18-jährige Ekofisk-Studie bringt den Beleg, dass sich Monsterwellen im offenen Ozean überwiegend durch konstruktive Überlagerung nach quasi-deterministischem Muster bilden. Während die Modulationsinstabilität extreme Kanalwellen im Labor erklärt, begünstigt das offene Meer mit vielen Richtungen das kurzfristige Aufstapeln gewöhnlicher Wellen. Diese Erkenntnis verbessert die Risikomodelle und liefert Ansatzpunkte für Überwachungs- und Prognoseverfahren zur Erhöhung der Sicherheitsstandards in der Schifffahrt und Offshore-Industrie.

Quelle: theconversation

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