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Marsch aufs Lido: Ein unterbrochenes Festival
Das Filmfestival von Venedig, traditionell eine glanzvolle Bühne für Autorenkino und Premieren auf dem roten Teppich, wurde zum Epizentrum einer massiven politischen Demonstration, als Tausende auf das Festivalgelände zogen, um gegen Israels Militäraktion im Gazastreifen zu protestieren. Die Szene verband ernste Forderungen mit Spektakel: ein Meer palästinensischer Flaggen, Sprechchöre wie „Free Palestine“ (‚Freiheit für Palästina‘), Bengalos und Nebelhörner, Stelzenläufer mit Bannern für „Frieden“ und laute Musik, die durch die Straßen des Lido dröhnte.
Warum der Protest ein Filmfestival ins Visier nahm
Organisatoren und beteiligte Gruppen stellten den Marsch als bewusste Nutzung einer globalen Kulturplattform dar, um die Sichtbarkeit des Leidens der Zivilbevölkerung zu erzwingen und ein Ende dessen zu fordern, was sie als Völkermord bezeichneten. Die Kundgebung machte einen wachsenden Trend deutlich: Große Kulturveranstaltungen — von Filmfestivals bis hin zu Kunstbiennalen — werden zunehmend als öffentliche Foren wahrgenommen, in denen politische und humanitäre Krisen ausgetragen werden. Für viele Teilnehmende ist das Festival mehr als ein Markt für Filme; es ist eine Bühne des Gewissens.
Reaktionen des Festivals und das heikle Gleichgewicht
Die Festivalverantwortlichen standen unter Druck von mehreren Seiten. Hunderte Filmemacherinnen, Filmemacher und Künstler hatten Venedig aufgefordert, die Gewalt im Gazastreifen zu verurteilen und Einladungen an Prominente, die öffentlich Israel unterstützen, zu überdenken. Die Biennale von Venedig verteidigte das Festival als Ort offener Diskussion und künstlerischer Präsentation, während Festivaldirektor Alberto Barbera die Bedeutung betonte, Künstlerinnen und Künstler weiterhin einzuladen, zugleich aber sein Mitgefühl für zivile Opfer ausdrückte. Jurypräsident Alexander Payne entschied sich öffentlich dafür, den Fokus auf das Kino zu legen und keine politische Stellungnahme abzugeben.
Vergleiche, Kontext und kulturelle Auswirkungen
Dieser Moment in Venedig erinnert an frühere Ereignisse, bei denen Filmveranstaltungen mit Politik kollidierten: von Antikriegsprotesten bei Festivals bis hin zu Künstlern, die Premieren als Plattform für Kritik nutzten. Im Vergleich zu in jüngeren Jahren stark politisierten Festivals war Venedig historisch weniger explizit politisch, wodurch diese Protestwelle besonders auffällig wurde. Für Filmschaffende, deren Werke Konflikte, Vertreibung oder ethische Fragen behandeln, kann die Atmosphäre beim Festival die Rezeption und Programmgestaltung beeinflussen.
Insider der Branche weisen darauf hin, dass politisch aufgeladene Momente Festivalnarrative und Filmpublicity neu formen können. Ein Film entfaltet sich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im weiteren Gespräch, das das Festival erzeugt; 2025 könnten Filme mit menschenrechtlichen Themen aufgrund der angespannten Stimmung auf dem Lido verstärkte Aufmerksamkeit — oder schärfere Kritik — erfahren.

Kritik und Kontroverse: Meinungsfreiheit vs. Aufforderungen, Einladungen zurückzuziehen
Die Debatte war komplex: Sollten kulturelle Institutionen Künstlerinnen und Künstler aufgrund ihrer politischen Ansichten ausladen — oder gerade künstlerische Inklusivität schützen, selbst wenn moralische Empörung herrscht? Befürworterinnen und Befürworter der Proteste argumentieren, kulturelles Schweigen bedeute Komplizenschaft; Gegner warnen, Boykotte könnten den Dialog zensieren. Beide Positionen hallen durch die Filmbranche, in der Karrieren, Aufträge und Auszeichnungen empfindlich auf die öffentliche Stimmung reagieren.
Hinter den Kulissen und öffentliche Reaktionen
Festivalbesucherinnen und -besucher beschrieben eine karnevalsartige Energie, die die Ernsthaftigkeit der Botschaft nicht schmälerte. Manche begrüßten den Eingriff als notwendigen moralischen Druck; andere fühlten sich unwohl, weil Aktivismus die Vorführungen überschatte. Die Reaktionen in den sozialen Medien waren gespalten: Filmschaffende und Cinephile debattierten darüber, ob das Festival vom Gala-Glanz zur zivilen Einmischung umschwenken solle.
„Venedig war schon immer ein Barometer dafür, wo Filmkultur auf Gesellschaft trifft“, sagt die Filmhistorikerin Lucia Romano. „Dieser Protest kristallisiert eine neue Phase: Festivals sind keine neutralen Marktplätze mehr. Sie sind Arenen, in denen globale Politik und filmische Kunst öffentlich verhandelt werden.“
Fazit: Was das für das Kino künftig bedeutet
Die Proteste in Venedig deuten darauf hin, dass Filmfestivals weiterhin vordere Schauplätze kulturpolitischer Auseinandersetzungen bleiben werden. Für Filmschaffende, Kuratorinnen und Kuratoren sowie das Publikum besteht die Herausforderung darin, den künstlerischen Dialog zu erhalten, ohne jede Premiere automatisch zum politischen Schlachtfeld zu machen. Das Spektakel auf dem Lido erinnerte daran, dass Kino in einer größeren Welt lebt — und dass der rote Teppich manchmal zum Kanal für ein globales Gewissen wird, das beeinflusst, wie Filme diskutiert, vertrieben und aufgenommen werden.
Abschließender Gedanke
Ob man die Proteste als notwendige Solidaritätsbekundung oder als unbequeme Einmischung sieht: Ihre Präsenz in Venedig definiert den Festivalmoment neu. Erwarten Sie, dass künftige Ausgaben noch intensiver mit den ethischen Verantwortungen von Kultur in Krisenzeiten ringen — ob bei Filmfestival Venedig, internationalen Kulturveranstaltungen oder anderen Plattformen der Kulturpolitik.
Quelle: variety
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