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Venedig bejubelt del Toros gotische Sci‑Fi‑Neuinterpretation
Guillermo del Toro kehrte in triumphaler Manier zu den Filmfestspielen von Venedig zurück: Sein mit Spannung erwartetes Frankenstein feierte Premiere und wurde mit einer donnernden, 13‑minütigen Standing‑Ovation bedacht — die bislang längste in diesem Jahr. In dem emotionalen Moment umarmte Regisseur del Toro seine Hauptdarsteller Oscar Isaac und Jacob Elordi, die beide Tränen unterdrückten, während das Publikum auch nach dem Abspann anhaltend applaudierte. Es war ein Szenenbild, das gleichermaßen roten‑Teppich‑Spektakel und intime Katharsis vereinte und den Filmemacher symbolisierte, der Monster zu Spiegeln der Menschlichkeit formt.
Stars, Fans und eine unvergessliche Nacht
Isaac, der den gequälten Dr. Victor Frankenstein spielt, und Elordi, die Kreatur, die aus dessen Hybris geboren wird, liefen über den roten Teppich flankiert von Co‑Stars Mia Goth, Christoph Waltz und Felix Kammerer. Fans füllten die Piazza vor dem Vorführort und riefen nach Selfies und Autogrammen — eine Erinnerung daran, dass Franchise‑Ära‑Prominenz noch immer neben art‑house‑Respekt bestehen kann. Im Saal verwandelte sich die Reaktion auf die dunkle, romantische Farbgebung und die ambitionierte Größenordnung des Films in Ovationen, die in der langen Applauswelle gipfelten und Schauspieler wie Publikum gleichermaßen sichtlich bewegten.
Ein großes, gotisches Epos mit praktischem Herzen
Del Toros Frankenstein setzt auf die charakteristische Mischung aus märchenhafter Groteske und mitfühlender Empathie des Regisseurs. Mit einer Laufzeit von 149 Minuten und einem berichteten Budget von rund 120 Millionen US‑Dollar verbindet der Film üppiges Produktionsdesign mit intimen Charaktermomenten. Jacob Elordi verbrachte bis zu zehn Stunden im Make‑up‑Stuhl, um die patchworkartige Kreatur zu werden — eine prosthetiklastige Verwandlung, die an die handwerkliche Präzision klassischer Monsterfilme erinnert. Elordi sagte gegenüber der Presse, die körperliche Entwicklung der Kreatur — vom aufrechten, beinahe neugeborenen Gang bis zur verschlossenen, gebeugten Erwachsenenhaltung — sei durch Kostumschichten und subtile Körperarbeit geplant worden.
Diese Betonung praktischer Effekte und erzeugter Lebendigkeit erinnert an del Toros oscarprämiertes The Shape of Water, das 2017 ebenfalls in Venedig Premiere hatte und dort den Goldenen Löwen gewann sowie mehrere Academy Awards erhielt. Dennoch ist Frankenstein keine reine Wiederholung: del Toro interpretiert Mary Shelleys Roman von 1818 als weites, gotisch‑sci‑fi‑Epos, in dem wissenschaftlicher Ehrgeiz und emotionale Intimität aufeinanderprallen.

Hinter dem Make‑up: Gestaltung einer neuen Ikone
Die Make‑up‑ und Kostümarbeit der Produktion bildet das emotionale Zentrum des Films. Elordis geflickte Haut, sichtbare Nähte und geschichtete Kostüme erfüllen narrative Funktionen — sie markieren den Übergang der Kreatur von roher Schöpfung zu verbittertem Wesen. Der mühsame Prothesenprozess ist eine bewusste Entscheidung in einer Zeit, in der CGI oft die Standardlösung ist. Del Toros Rückgriff auf praktische Effekte greift einen größeren Trend unter Prestige‑Filmemachern auf, taktile, analoge Techniken wiederzubeleben, um reichere filmische Texturen zu erzielen.
Kontext: Monsterfilme im Streaming‑Zeitalter
Die Venedig‑Premiere von Frankenstein ist zugleich ein Indikator dafür, wie Streaming‑Plattformen und Preiszyklen zusammenlaufen. Mit Kinostart am 17. Oktober und Netflix‑Debüt am 7. November dürfte der Film sowohl Kassen‑ als auch Awards‑Kampagnen bedienen. Netflix' zunehmende Bereitschaft für hochbudgetierte, auteurgetriebene Filme positioniert Frankenstein als potenziellen Preisbewerber, den die Plattform unterstützen kann — ähnlich wie frühere Streaming‑Projekte in den Bereichen Prestige‑Historien und Genrefilme.
Vergleiche mit früheren Frankenstein‑Adaptionen sind unvermeidlich: James Whales Klassiker von 1931 prägte das Bild der Kreatur; Kenneth Branaghs Version von 1994 betonte das Gothic‑Melodram; die Varianten von Hammer setzten stärker auf Horror. Del Toros Interpretation liegt irgendwo zwischen diesen Linien und seiner eigenen Fantasiesensibilität — weniger campig als Whale, weniger wörtlich als Branagh und stärker allegorisch als Hammer, mit den wiederkehrenden Themen Außenseitertum, Empathie und monströse Schönheit im Vordergrund.
Kritische Perspektive: Risiken und Chancen
Während Festivalpublikum den Film eindeutig bejubelte, werden Kritiker und Branchenbeobachter verfolgen, wie del Toro Spektakel und emotionale Klarheit über eine Laufzeit von 149 Minuten ausbalanciert. Zu den Stärken des Films zählen opulentes Produktionsdesign, engagierte Darbietungen von Isaac und Elordi sowie akribische Prothesenarbeit — Faktoren, die bei einigen Zuschauern jedoch mit Tempo‑ oder Narrationsdichte kollidieren könnten. Del Toros Talent, Märchenstimmung mit menschlicher Zärtlichkeit zu verbinden, lässt aber vermuten, dass der Film geduldige Zuschauer belohnen wird.
'Del Toro hat schon immer Monster geschaffen, die unser Mitgefühl einfordern; in Frankenstein verfeinert er diese Alchemie und verbindet handwerkliche Tradition mit moderner emotionaler Realismus', sagt Filmkritikerin Anna Kovacs, eine in London ansässige Filmhistorikerin. 'Dies ist nicht nur ein Horrorfilm — es ist eine moralische Fabel über Schöpfung, Verantwortung und die Kosten von Genialität.'
Publikum, Red‑Carpet‑Momente und Oscar‑Spekulationen
Die Festivalnacht war zudem eine Schau moderner Promi‑Kultur: Fans skandierten für Elordi, Fotografen rangen um die besten Aufnahmen des Ensembles, und Stars wie Aaron Taylor‑Johnson und Sofia Carson steigerten die Strahlkraft der Veranstaltung. Die Begeisterung in Venedig hat bereits Oscar‑Spekulationen ausgelöst — kann ein von Netflix unterstütztes, großbudgetiertes Gothic‑Sci‑Fi‑Epos Festival‑Hype in Oscar‑Nominierungen verwandeln? Wenn del Toros frühere Erfolge mit The Shape of Water ein Anzeichen sind, könnte Frankenstein ernsthafte Chancen haben, insbesondere in Kategorien wie Produktionsdesign, Make‑up und möglicherweise Schauspiel.
Trivia und Anmerkungen des Regisseurs
Del Toro sagte der Presse, dass ihn Shelleys Kreatur seit seiner Kindheit fasziniert habe. Auf einer Pressekonferenz am Mittag gestand er die bittersüße Genugtuung, den Film vollendet zu haben, und scherzte, er erlebe jetzt eine 'postpartale Depression'. Diese Mischung aus Verspieltheit und Melancholie ist typisch für seine Karriere: ein Regisseur, der persönliche Obsession in filmisches Spektakel verwandelt.
Fazit: Ein moderner Unhold für ein weltweites Publikum
Guillermo del Toros Frankenstein kam in Venedig nicht nur als Film, sondern als Ereignis an — eine greifbare, mitfühlende Neuinterpretation eines der langlebigsten Monster der Literatur. Mit starken Darstellungen von Oscar Isaac und Jacob Elordi, sorgfältiger Prothesenarbeit und einem Regisseur auf dem Höhepunkt seiner mythischen Erzählkunst verspricht der Film sowohl Art‑House‑Tiefe als auch breite Anziehungskraft. Ob er ein Meilenstein des zeitgenössischen Gothic‑Kinos oder ein Festivalliebling mit vorübergehendem Momentum wird: Frankenstein hat das Publikum bereits daran erinnert, dass Monster uns immer noch zu Tränen rühren können.
Kurz gesagt: del Toro liefert ein Frankenstein für das 21. Jahrhundert — ein reich ausgearbeitetes, emotional stimmiges Epos, das die anhaltende Kraft praktischer Effekte, des Auteur‑Kinos und die unheimliche Fähigkeit des Monsters bekräftigt, unsere menschlichsten Ängste und Sehnsüchte zu spiegeln.
Quelle: variety
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